Archive for January, 2005

In der Fußgängerzone

“Wollen Sie die Wahreheit über den Prozess gegen Michael Jackson wissen?” sprach sie mich heute an. Sie war vielleicht 16 oder 17 Jahre alt und hatte die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Etwas perplex ob dieser Frage warf ich einen Blick auf das Flugblatt, das sie mir unter die Nase erhielt.

Offensichtlich gehörte sie einer Gruppe von Fans an, die versuchten die breite Öffentlichkeit zu überzeugen, daß ihr Idol derzeit zu Unrecht angeklagt wurde. “Nein, danke”, antwortete ich reflexartig, wie ich Flugblattverteilern immer zu antworten pflege. Und einen Augenblick später konnte ich mich eines kurzen aber lauten Auflachens über diese Absurdität nicht erwehren.

Die junge Dame stapfte mit ihren Flugblättern unter dem Arm etwas pikiert in Richtung Mediamarkt davon und auch ich zog meiner Wege. Später hat es mir dann leid getan, das Auflachen. Ich fürchte es hatte sie verletzt und das wollte ich – bei aller Abneigung gegen Mr. Jackson – nicht.

Noch etwas später hatte ich mich dann gefragt, weshalb sie bei all den vielen hundert Menschen, die an einem Samstag die Fußgängerzone bevölkerten, gerade mich angesprochen hat. Vielleicht hat sie meinen schlurfenden Gang mit dem Moonwalk verwechselt und gedacht ich wäre ein Gesinnungsgenosse. Oder sie hat gedacht, der ist in einem Alter, der hat die großen goldenen Zeiten von Michael Jackson noch direkt erlebt, mit “Thriller” und so. Und damit hat sie im Prinzip auch Recht, aber ich mochte ihn damals schon nicht.

Ich hab mir dann eine neue Armbanduhr gekauft.

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Der alltägliche Kampf

Der alltägliche Kampf

Es gibt Zeiten, da kommt man mit dem Leben an sich nicht mehr zurecht. Der Job nervt nur noch, man kann sich selbst nicht leiden und der eigene Psychotherapeut, den man nun schon seit 8 Jahren sieht, hört einem nicht mal zu. Jede Handlung, jeder Schritt ist eine Qual und jeden morgen will man sich dem alltäglichen Kampf gegen sich selbst und die Welt lieber ergeben als ihn zu kämpfen.

Was manchem vielleicht schon mal hin und wieder widerfahren ist, das ist für Marco der Alltag. Als Fotograf hat er in den Krisenregionen dieser Welt Bilder für Zeitungen und Zeitschriften gemacht, doch nun will er, von Angstanfällen geplagt, nur noch seine Ruhe haben. Er zieht mit seinem Kater Adolf aufs Land um vermutlich wieder zu sich selbst zu finden. So genau weiß er das auch nicht.

Marco legt sich mit einem streitsüchtigen Nachbarn an, kifft mit seinem Bruder wenn der ihn besucht und freundet sich mit einem alten Mann an, der mehr Geheimnisse hat, als es zunächst den Anschein hat. Unzufrieden mit seiner Situation ist Marco zugleich nicht fähig diese zu ändern. Denn er weiß es muß eine Veränderung geben, damit er sich besser fühlen kann. Doch Veränderung ist genau das, was er am meisten fürchtet.

Die Veränderung beginnt, als sein Kater von einem Hundverletzt wird und er sich bei der Gelegenheit in Emilie die Tierärztin verliebt. Doch Marcos Angstzustände stellen diese Beziehung auf eine harte Probe.

“Der alltägliche Kampf” ist eine schöne, kleine Geschichte des Franzosen Manu Larcenet. Elegant bewegt er sich an der Grenze zwischen Komik und Tragik entlang und präsentiert mit Marco einen klassischen Anti-Helden. Grafisch nimmt er dabei stets zwei unterschiedliche Perspektiven ein. Der größte Teil der Geschichte ist mit knollennasigen Figuren bevölkert, doch wenn Marco über seine Situation reflektiert geschieht dies in grafisch realistischeren Schwarzweiß-Zeichnugen, als ob man Marcos Photographien zu sehen bekommt.

Auch textlich macht sich die Geschichte ganz gut. Einer der schönsten Sätze darin sagt Marco gegen Ende zu Emilie: “Alles ist besser mit dir als ohne…” Und das ist das Beste was er erwarten kann.

Als jemand der selbst ständig von Angstzuständen heimgesucht wird fand ich auch diese Situationen beklemmend realistisch wiedergegeben. Das Aufwachen mitten in der Nacht, die Paralysierung und eigene Unfähigkeit auch nur das geringste tun zu können.

“Der alltägliche Kampf” ist bei Reprodukt erschienen und kostet 13 Euro, die sich auf alle Fälle lohnen.

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Zwischenmeldung

Nur ganz kurz, denn Zeit hat man ja keine und so, aber: Spiegel Online hat mich dieser Tage gleich zweimal hoch erfreut. Zum einen mit einem Bericht zum derzeitigen “Schnappi-Hype”, der mit einem schönen Schlußwort endet: Die Musikindustrie wird sich eine andere Ausrede einfallen lassen müssen für ihre Absatzprobleme. Die alte hat Schnappi weggeschnappt.

Das haben andere zwar schon früher gemeldet, trotzdem: Respekt, das hätte ich den Leuten da gar nicht zugetraut. Die haben doch schon ganz andere Töne angeschlagen.

Dann gab es noch einen Artikel, in dem erzählt wird, wie Günter Grass gegen die “Verschlimmbesserung” des deutschen Urheberrechts wettert. Bereits heute hätten viele Autoren nicht mehr die Rechte über ihre eigenen Werke. Als Beispiel nennt seine eigene Auseinandersetzung mit dem Verlag Random House/Bertelsmann, der die globalen Übersetzungsrechte an Grass’ “Blechtrommel” besitzt.

Das Tragische an diesem neuen Urheberrecht sind nicht etwa die Gängelung und Einschränkung, die der einzelne Konsument hinnehmen muß. Auch nicht, daß die Verlage die eigentlich kreativ Arbeitenden entmündigen und ausquetschen. Das alleine wären schon schlimm genug.

Das wirklichTragische daran ist, daß sie den kulturellen und gesellschaftlichen Gedächtnisverlust fördert. Was nicht auf Anhieb erflogreich ist wird gleich vergessen und erfolgreich bedeutet hier kompatibel für die Massen. Hätte es diese fatale Einstellung schon immer gegeben, dann würden wir heute kein einziges Bild von van Gogh sehen (wenn van Gogh nur digital gemalt hätte).

Die Verwertungsgesellschaften müssten nach meiner Ansicht hier wieder stärker in die Pflicht genommen werden. Sie haben hier auch eine gewisse Verantwortung und dabei ist es egal, ob es sich um einen Verlag, ein Musiklabel oder einen Filmverleih handelt.

Aber was red’ ich. Die Frau Zypries weiss es ja eh’ schon besser: “Seit der letzten Novellierung des Urhebervertragsrechts 2002 nehme Deutschland eine Schrittmacherrolle ein.” Nur ob das auch eine positive Schrittmacherrolle ist, wird vermutlich eher als unwahrscheinlich angesehen.

Nachtrag: In der Hektik fast vergessen: Planetopia lügt!

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Schnellvorlauf

Viel zu schnell vergeht die Zeit dieser Tage wieder. Meine Arbeit, kaum hat das Jahr wieder angefangen, frisst mich derzeit wieder beinahe auf. Externe Beobachter geben mir den wohlwollenden Rat, ich solle mir jetzt mal ernsthaft überlegen was mir wichtiger sei, meine Arbeit oder meine Gesundheit, was so dramatisch wie trivial hinsichtlich der Entscheidung klingt und es letzendlich beides nicht ist. In der Tat häufen sich einige Stresssymptome, allerdings was soll man tun, hat man doch nicht vernünftiges gelernt, in der letzten Zeit ist an Weisheit auch nicht viel dazu gekommen und von irgendwas will die Miete auch gezahlt sein.

Was mich aber wirklich wurmt, ist die Tatsache, daß ich von dem was ich gerade tue hier nichts schreiben kann/darf, weil man ist ja als Dienstleister zur Veschwiegenheit über seine Tätigkeiten beim Kunden verpflichtet. Dabei gäbe es so vieles zu schreiben, denn das, was ich gerade mache wird zur Cebit dann wieder sämtliche einschlägigen Medien füllen, von heise bis zum SpOn und es wird die Gemüter erhitzen, nicht nur in der Fachwelt und so weiter. Und da hat man schon einmal einen Wissensvorsprung und kann damit nicht mal im eigenen Blog prahlen. Ist vielleicht aber auch gut so.

Da stellt sich dann allerdings die Frage, über was schreibt man denn sonst, wo man doch fast nur noch mit Arbeit beschäftigt ist, kaum Zeit hat die eigenen Lieblingsblogs zu lesen und darüber hinaus erst am späten Sonntag Nachmittag erfährt, daß der Herr Moshammer ermordet wurde, was dem Rest der Welt, wie es scheint, schon seit mindestens zwei Tagen bekannt ist?

Man begeht einmal mehr einige der sieben Todsünden und postet spontan mal alles, was diese Woche so am Rande des Blickfeldes vorbeizog. In ungeordneter Reihenfolge.


Die hoch geschätzte Frau Gröner schrieb am Freitag über eben diese sieben Todsünden des Bloggens und einen Tag später wird man einmal mehr von Google drauf hin gewiesen, wie nachlässig (acedia) man selbst beim Schreiben immer ist und zwar dadurch, daß man über die Logs (gula) sieht, daß man auf der Suche nach “Schweineraten” gefunden wird, wobei man im gefundenen Artikel eigentlich “Schweinebraten” schreiben wollte.

Viel tragischer ist natürlich noch, wenn man über einen Eintrag gefunden wird, in dem man behauptet Anthony Hopkins hätte in einem Film namens “Silent of the lambs” mitgespielt. Während man “Schweineraten” noch als einfachen, ja fast sympathischen Tippfehler durchgehen lassen kann, muß man unweigerlich erkennen, daß derzweite Fall einen vor der Leserschaft ganz schön dämlich dastehen lässt. Und das weckt unweigerlich einen tiefen Zorn auf einen selbst, man nimmt sich vor zukünftig sorgfältiger zu schreiben und fragt sich gleichzeitig: Wem willst du eigentlich was vormachen?

Die Grünen durften diese Woche ihr 25-jähriges feiern und das Morgenmagazin der ARD, das mich in Hotels morgen als an die grausame Realität der Welt heranführen darf, hat dazu Passanten in der Kölner Innenstadt befragt. Was sie denn so halten würden von den Grünen und deren Entwicklung. Und die meisten haben ziemlich geschimpft. Weil die Grünen sind schuld:
- daß wir so viele Steuern zahlen müssen
- erfinden immer mehr neue Steuern
- sind schuld an den vielen Arbeitslosen wegen ihrer strengen Umweltpolitik
- sind ohnehin die Geisel jedes gutbürgerlichen, anständigen Deutschen

Ganz am Ende kamen nochmal zwei Menschen die eine etwas positivere Meinung haben durften. Spontan habe ich mich gefragt ob das wirklich ein repräsentatives Bild der Bevölkerung ist oder ob die ARD vielleicht ein wenig einseitig berichtet hat. Nun kann man über die Grünen ja denken was man will, gerade der ganz linke Rand verliert ja tatsächlich immer wieder ein wenig die Ralität aus den Augen und kompensiert das dann mit ein wenig mehr Radikalität. Für mich waren sie bei Wahlen immer die Zweitstimmen-Partei bei Wahlen. Aber wirklich zu glauben, daß Deutschland heute besser dran wäre, wenn alle mit ihrem Spritfressenden Großraumwagen mal die 10m zum Bäcker brettern ist doch schon ein wenig naiv. Die Entwicklung in Sachen Umweltschutz wäre so oder so gekommen, irgendwann wäre es auch dem letzten asthmatisch röchelnden Daimler-Fahrer aufgegangen, daß es doch keine so gute Idee ist die Abgase ungefiltert rauszupusten.

Und den Herrn mit Hut betrifft, der so sehr auf den Herrn Trittin schimpfen mußte, weil der doch das schlimme Dosenpfand eingeführt hat, dem will ich sagen, daß ich den Herrn Trittin zwar auch nicht so dolle finde, man ihm deshalb aber auch nicht gleich alle Schuld zuweisen darf. Das Dosenpfand hat der nämlich nur umgesetzt, die Idee dazu stammt nämlich noch von seiner Vorgängerin Angela Merkel, als die noch Umweltministerin beim Helmut Kohl war. Aber die Menschheit hat halt ein Goldfischgedächtnis.

Dann hab ich mich diese Woche gleich wieder doppelt über die Frau Zypries aufgeregt, warum will ich gar nicht im Details erläutern. Das kann man besser hier und hier nachlesen.

Ich muss gestehen, daß ich nicht wirklich schlau aus dieser Frau werde. Ist sie nun korrupt, einfach nur naiv und merkbefreit oder grundlegend dämlich? Sei es wie es sei, ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ein dressierter Affe manchmal bessere Arbeit leisten würde als diese Frau. Was natürlich auch für ganz andere Politiker gilt, die Sache im konkreten Fall aber nicht besser macht. Überhaupt frage ich mich bei diesen ganzen parteiübergreifenden Nebentätigkeiten unserer Politiker derzeit wo denn da die Grenze zur Korruption gezogen wird.

Jedenfalls scheint Frau Zypries mir gänzlich ungeeignet für ihren Job. Unter uns Herr Schröder, mit der Frau in ihrem Kabinett werden Sie es schwer haben mir zukünftig meine Wählerstimme abzuschwatzen.

Dann zum Ende der Woche nochmal im Kino gewesen. “Closer” von Mike Nichols. Schöner Film, schöne Menschen, schöne Dialoge, kurzum ein sehenswerter Film, dem man aber sehr anmerkt, daß er mal ein Theaterstück war. Sogar Julia Roberts hat mir mal wieder gefallen und ich hoffe er erhält heute Nacht den einen oder anderen Golden Globe für den er nominiert ist.

Beim Abspann hat mich dann die Selbsterkenntnis getroffen. Die bisherigen Kinofilme im neuen Jahr waren “Liebe mich wenn du dich traust”, “Sylvia” und “Closer”. Kein Wunder, daß bei dieser Auswahl von Filmen sämtliche (potentiellen) Beziehungen schon im Vorfeld zum Scheitern verurteilt sind.

So und nun zum Abschluß noch einmal ein wenig superbia. Ich laß heute mal wieder die Kommentare an. Kommentieren Sie also ein wenig, wenn Ihnen der Sinn danach steht.

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