Wie ich mich einmal mit Tollwut infizierte aber nochmal davonkam
Die folgende Geschichte soll mein Beitrag zur Entscheidungshilfe für alle jungen Eltern sein, die sich überlegen aufs Land zu ziehen, damit die lieben Kleinen in einer guten Umgebung mit gesunder Luft und ohne Gefahr vor irgendwelchen lebensverkürzenden Eventualitäten aufwachsen. Und das Beste: Die Geschichte hat sich tatsächlich so zugetragen.
Sie trug sich zu als ich noch jung war. Also jünger als jetzt, ich bin ja jetzt auch noch einigermaßen jung. Aber damals war ich halt um mehr als 20 Jahre jünger. Ich verlebte damals eine mehr oder weniger glückliche Kindheit im schwärzesten Schwarzwald, das Haus meiner Eltern stand so ungfähr 500 Meter vom Waldrand. Sehen sie schon vor Ihrem inneren den kleinen Mike fröhlich mit einem Reh-Kitzlein durch die freie und unzerstörte Natur springen? Ja? Dann vergessen Sie das Bild mal wieder ganz schnell, wir sind hier nicht bei Bambi.
Es war irgendwann im frühen Herbst, da spielte ich mit meinem Bruder an eben jene Waldesrand. Wann genau kann ich nicht mehr sagen, es ist ja schon ein Weilchen her und die Erinnerung ist wie man so schön sagt flüchtig. Vermutlich hatte ich damals nicht wirklich Lust draußen zu spielen, ich konnte mich eigentlich mehr für den Aufenthalt in geschlossenen Räumen begeistern. Meine Mutter bestand aber darauf, daß wir bei jeglichem schönen Wetter draußen waren und schön waren in unserer beider Definitionen nicht immer das selbe. Ich kann mir aber sicher sein, daß es nicht geregnet hat. Noch nicht.
Ich hatte damals bereits ein ausgeprägtes Helfersyndorm entwickelt was Tiere in Not anbelangte. Trotz der grundsätzlich eher zurückhaltenden Reaktionen hatte ich schon mehrfach ausgesetzte oder entlaufene Tiere mit nach Hause gebracht, in der Mehrzahl Katzen. Ich schleppte aber auch immer irgendwelche jungen Vögel an, die aus ihren Nestern gefallen waren und das Glück hatten von mir vor den Katzen entdeckt zu werden.
Jedenfalls sollte dies als Erklärung für meine folgende Reaktion genügen. Mein Bruder und ich entdeckten nämlich recht bald ein Tier, das ich als eindeutig hilfebedürftig identifizierte. Was es für ein Tier war konnte ich nicht genau sagen, es schien mir aber eindeutig größer als eine Katze zu sein. Es hatte aber einen wunderschönen buschigen Schwanz, es ließ sich streicheln und es wirkte irgendwie krank auf mich. Mein Entschluß stand relativ schnell fest. Dem Tier mußte geholfen werden.
Die Tatsache, daß sich ein offensichtlich wildes Tier so einfach streicheln ließ machte mich damals nicht im geringsten stutzig. Es ließ sich allerdings nur widerwillig auf den Arm nehmen. Meinem Plan, dieses Tier nach Hause zu bringen, es dort gesund zu pflegen und ihmdann Kunststücke beizubringen, war dies eher ein wenig hinderlich. Erschwerend kam hinzu, daß das Tier tatsächlich so groß war, daß ich es in meinen Kinderärmchen kaum tragen konnte. Wie ich es dennoch geschafft habe das Tier nach Hause zu bringen blieb hinterher allen Beteiligten und auch rückblickend mir ein Rätsel.
Irgendwie habe ich es dann doch geschafft, allerdings hatte mich das Tier bis dahin mehrfach gebissen. Ich verzieh es dem Tier großmütig und es machte mir nicht all zu viel aus, waren die Bisse doch schon ein wenig kraftlos. Schließlich war ich bis dato nicht nur von Katzen und Hunden sondern auch schon einmal vom Pferd unseres Nachbarn gebissen worden und im Vergleich zu so einem Pferd war das Tier ja dann doch eher klein.
Erste Zweifel ob das Ganze eine gute Idee war kamen mir ob der Reaktionen meiner Mutter. Sehr zu meinem Unverständnis verweigerte meine Mutter mir den Zutritt zum Haus in Begleitung des Tieres. Erschwerend kam hinzu, daß sie dann über das Tier auch noch eine herumstehende leere Obstkiste stülpte, als mir dieses wieder einmal entkam. Von da an begriff mein kleines Kinderhrn, daß hier grundlegend etwas anders lief, als ich es mir vorgestellt hatte. Kam ich früher mit einem hilfebedürftigen Tier nach Hause war meine Mutter meistens verärgert, nun war sie aber schon beinahe panisch.
Telefonisch beschrieb sie das Problem dem zuständigen Wildhüter, der sich entschloß den Zustand der Lage mit eigenen Augen vor Ort in Augenschein zu nehmen. Meine Mutter hielt es aber für angebrahct eine weitere Meinung zu konsultieren und so wurde auch noch der örtliche Tierarzt gebeten vorstellig zu werden. Letzterer traf zuerst am Ort des Geschehens ein, da er gerade auf einem Bauernhof in der Nähe tätig war. Mit dem für seine Profession üblichen fachkundigen Blick identifizierte er das Tier zweifelsfrei als einen Marder.
Diese Meinung wurde vom Wildhüter nach dessen Eintreffen nochmals eindeutig bestätigt. Beide waren sich auch relativ schnell einig daß es sich bei der offensichtlichen Krankheit des Marders um Tollwut handeln müsse. In der Tat befand sich das Tier mittlerweile bereits in sehr erregtem Zustand. Er tobte und sprang unter der Obstkiste herum und hatte den für die Krankheit so typischen Schaum vor dem Mund, wie ich durch einen Spalt sehen konnte.
Es wurde beschloßen, daß der Marder zu einer genaueren Untersuchung in ein Labor geschickt werden sollte. Allerdings mußteer dazu erst ruhig gestellt werden. Genauer gesagt sollte er eingeschläfert werden. Der Tierarzt versuchte sein Glück in dem er durch die Ritzen der Obstkiste eine Spritze zu setzen versuchte, was aber auf Grund des bereits erwähnten Erregungszustandes des Tieres nicht zustande kam. Daraufhin durfte der Wildhüter sein Glück versuchen.
Dieser hatte, wenn er auch rein äußerlich nicht dem stereotypisch bekannten Bild dieses Berufsstandes entsprach, doch ein Utensil, daß sein Handwerk dem Eindruck vieler Menschen nach prägt: Er hatte ein Gewehr. Dessen Lauf schob er nun durch eine Ritze Obstkiste, die wie für diesen Zweck gemacht schien, und drückte ab.
Sie können sich vorstellen, was für eine Wirkung das auf einen Jungen von acht oder neun Jahren hatte. Tragisch genug, daß ich dem Tier nun keine Kunststücke mehr beibringen konnte, ich hatte auch bei meiner ursprünglichen Intention das Tier einfach nur gesund zu pflegen versagt. Darüber hinaus litt das Ansehen des Wildhüters erheblich bei mir.
Für den Marder endete die Geschichte damit, für mich ging sie noch ein paar Wochen mit stationären Behandlungen in der Uni-Klinik Freiburg weiter. Die Erinnerung daran an diese folgende Behandlung ist aber heute noch undeutlicher, als an die Ereignisse davor. Die Krankheit ist bei mir niemals ausgebrochen (auch wenn manch einer was anderes behaupten mag) was der Tatsache zuzuschreiben ist, daß zwischen Biß und Behandlung nur ein paar Stunden vergingen.
Die Wahrscheinlichkeit sich heute noch mit Tollwut zu infizieren ist erheblich zurückgegangen. Wie bei Wikipedia nachzulesen ist, gab es Anfang der 80er Jahre, also ungefähr die Zeit in der ich mich infizierte, noch 6800 gemeldete Fälle von Tollwut, 2001 waren es dann nur noch 39 Fälle und die meisten davon vermutlich mit Tieren. Vor ein paar Wochen gab es wieder einmal eine Meldung von Infektionen, allerdings ausgelöst durch eine Organspende. Die Spenderin hatte sich vermutlich in Asien infiziert, wo die Krankheit noch weiter verbreitet ist als bei uns.
Was können junge Eltern also aus dieser Geschichte lernen? Ein Umzug vom Land senkt sich vielleicht die Gefahr, daß ihr Kind bei einem Verkehrsunfall verletzt wird, es entstehen aber mit ziemlicher Sicherheit andere Risiken. Auf dem Land kommt ihr Kind vermutlich weniger einfach mit Drogen in Kontakt, dafür kann es passieren, daß sie mit ihm in die Klinik müssen um ihm den Magen auszupumpen, weil es von den Beeren aus dem Wald gegessen hat, die “so schön rot” sind. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.




