Archive for March, 2005

Wie ich mich einmal mit Tollwut infizierte aber nochmal davonkam

Die folgende Geschichte soll mein Beitrag zur Entscheidungshilfe für alle jungen Eltern sein, die sich überlegen aufs Land zu ziehen, damit die lieben Kleinen in einer guten Umgebung mit gesunder Luft und ohne Gefahr vor irgendwelchen lebensverkürzenden Eventualitäten aufwachsen. Und das Beste: Die Geschichte hat sich tatsächlich so zugetragen.

Sie trug sich zu als ich noch jung war. Also jünger als jetzt, ich bin ja jetzt auch noch einigermaßen jung. Aber damals war ich halt um mehr als 20 Jahre jünger. Ich verlebte damals eine mehr oder weniger glückliche Kindheit im schwärzesten Schwarzwald, das Haus meiner Eltern stand so ungfähr 500 Meter vom Waldrand. Sehen sie schon vor Ihrem inneren den kleinen Mike fröhlich mit einem Reh-Kitzlein durch die freie und unzerstörte Natur springen? Ja? Dann vergessen Sie das Bild mal wieder ganz schnell, wir sind hier nicht bei Bambi.

Es war irgendwann im frühen Herbst, da spielte ich mit meinem Bruder an eben jene Waldesrand. Wann genau kann ich nicht mehr sagen, es ist ja schon ein Weilchen her und die Erinnerung ist wie man so schön sagt flüchtig. Vermutlich hatte ich damals nicht wirklich Lust draußen zu spielen, ich konnte mich eigentlich mehr für den Aufenthalt in geschlossenen Räumen begeistern. Meine Mutter bestand aber darauf, daß wir bei jeglichem schönen Wetter draußen waren und schön waren in unserer beider Definitionen nicht immer das selbe. Ich kann mir aber sicher sein, daß es nicht geregnet hat. Noch nicht.

Ich hatte damals bereits ein ausgeprägtes Helfersyndorm entwickelt was Tiere in Not anbelangte. Trotz der grundsätzlich eher zurückhaltenden Reaktionen hatte ich schon mehrfach ausgesetzte oder entlaufene Tiere mit nach Hause gebracht, in der Mehrzahl Katzen. Ich schleppte aber auch immer irgendwelche jungen Vögel an, die aus ihren Nestern gefallen waren und das Glück hatten von mir vor den Katzen entdeckt zu werden.

Jedenfalls sollte dies als Erklärung für meine folgende Reaktion genügen. Mein Bruder und ich entdeckten nämlich recht bald ein Tier, das ich als eindeutig hilfebedürftig identifizierte. Was es für ein Tier war konnte ich nicht genau sagen, es schien mir aber eindeutig größer als eine Katze zu sein. Es hatte aber einen wunderschönen buschigen Schwanz, es ließ sich streicheln und es wirkte irgendwie krank auf mich. Mein Entschluß stand relativ schnell fest. Dem Tier mußte geholfen werden.

Die Tatsache, daß sich ein offensichtlich wildes Tier so einfach streicheln ließ machte mich damals nicht im geringsten stutzig. Es ließ sich allerdings nur widerwillig auf den Arm nehmen. Meinem Plan, dieses Tier nach Hause zu bringen, es dort gesund zu pflegen und ihmdann Kunststücke beizubringen, war dies eher ein wenig hinderlich. Erschwerend kam hinzu, daß das Tier tatsächlich so groß war, daß ich es in meinen Kinderärmchen kaum tragen konnte. Wie ich es dennoch geschafft habe das Tier nach Hause zu bringen blieb hinterher allen Beteiligten und auch rückblickend mir ein Rätsel.

Irgendwie habe ich es dann doch geschafft, allerdings hatte mich das Tier bis dahin mehrfach gebissen. Ich verzieh es dem Tier großmütig und es machte mir nicht all zu viel aus, waren die Bisse doch schon ein wenig kraftlos. Schließlich war ich bis dato nicht nur von Katzen und Hunden sondern auch schon einmal vom Pferd unseres Nachbarn gebissen worden und im Vergleich zu so einem Pferd war das Tier ja dann doch eher klein.

Erste Zweifel ob das Ganze eine gute Idee war kamen mir ob der Reaktionen meiner Mutter. Sehr zu meinem Unverständnis verweigerte meine Mutter mir den Zutritt zum Haus in Begleitung des Tieres. Erschwerend kam hinzu, daß sie dann über das Tier auch noch eine herumstehende leere Obstkiste stülpte, als mir dieses wieder einmal entkam. Von da an begriff mein kleines Kinderhrn, daß hier grundlegend etwas anders lief, als ich es mir vorgestellt hatte. Kam ich früher mit einem hilfebedürftigen Tier nach Hause war meine Mutter meistens verärgert, nun war sie aber schon beinahe panisch.

Telefonisch beschrieb sie das Problem dem zuständigen Wildhüter, der sich entschloß den Zustand der Lage mit eigenen Augen vor Ort in Augenschein zu nehmen. Meine Mutter hielt es aber für angebrahct eine weitere Meinung zu konsultieren und so wurde auch noch der örtliche Tierarzt gebeten vorstellig zu werden. Letzterer traf zuerst am Ort des Geschehens ein, da er gerade auf einem Bauernhof in der Nähe tätig war. Mit dem für seine Profession üblichen fachkundigen Blick identifizierte er das Tier zweifelsfrei als einen Marder.

Diese Meinung wurde vom Wildhüter nach dessen Eintreffen nochmals eindeutig bestätigt. Beide waren sich auch relativ schnell einig daß es sich bei der offensichtlichen Krankheit des Marders um Tollwut handeln müsse. In der Tat befand sich das Tier mittlerweile bereits in sehr erregtem Zustand. Er tobte und sprang unter der Obstkiste herum und hatte den für die Krankheit so typischen Schaum vor dem Mund, wie ich durch einen Spalt sehen konnte.

Es wurde beschloßen, daß der Marder zu einer genaueren Untersuchung in ein Labor geschickt werden sollte. Allerdings mußteer dazu erst ruhig gestellt werden. Genauer gesagt sollte er eingeschläfert werden. Der Tierarzt versuchte sein Glück in dem er durch die Ritzen der Obstkiste eine Spritze zu setzen versuchte, was aber auf Grund des bereits erwähnten Erregungszustandes des Tieres nicht zustande kam. Daraufhin durfte der Wildhüter sein Glück versuchen.

Dieser hatte, wenn er auch rein äußerlich nicht dem stereotypisch bekannten Bild dieses Berufsstandes entsprach, doch ein Utensil, daß sein Handwerk dem Eindruck vieler Menschen nach prägt: Er hatte ein Gewehr. Dessen Lauf schob er nun durch eine Ritze Obstkiste, die wie für diesen Zweck gemacht schien, und drückte ab.

Sie können sich vorstellen, was für eine Wirkung das auf einen Jungen von acht oder neun Jahren hatte. Tragisch genug, daß ich dem Tier nun keine Kunststücke mehr beibringen konnte, ich hatte auch bei meiner ursprünglichen Intention das Tier einfach nur gesund zu pflegen versagt. Darüber hinaus litt das Ansehen des Wildhüters erheblich bei mir.

Für den Marder endete die Geschichte damit, für mich ging sie noch ein paar Wochen mit stationären Behandlungen in der Uni-Klinik Freiburg weiter. Die Erinnerung daran an diese folgende Behandlung ist aber heute noch undeutlicher, als an die Ereignisse davor. Die Krankheit ist bei mir niemals ausgebrochen (auch wenn manch einer was anderes behaupten mag) was der Tatsache zuzuschreiben ist, daß zwischen Biß und Behandlung nur ein paar Stunden vergingen.

Die Wahrscheinlichkeit sich heute noch mit Tollwut zu infizieren ist erheblich zurückgegangen. Wie bei Wikipedia nachzulesen ist, gab es Anfang der 80er Jahre, also ungefähr die Zeit in der ich mich infizierte, noch 6800 gemeldete Fälle von Tollwut, 2001 waren es dann nur noch 39 Fälle und die meisten davon vermutlich mit Tieren. Vor ein paar Wochen gab es wieder einmal eine Meldung von Infektionen, allerdings ausgelöst durch eine Organspende. Die Spenderin hatte sich vermutlich in Asien infiziert, wo die Krankheit noch weiter verbreitet ist als bei uns.

Was können junge Eltern also aus dieser Geschichte lernen? Ein Umzug vom Land senkt sich vielleicht die Gefahr, daß ihr Kind bei einem Verkehrsunfall verletzt wird, es entstehen aber mit ziemlicher Sicherheit andere Risiken. Auf dem Land kommt ihr Kind vermutlich weniger einfach mit Drogen in Kontakt, dafür kann es passieren, daß sie mit ihm in die Klinik müssen um ihm den Magen auszupumpen, weil es von den Beeren aus dem Wald gegessen hat, die “so schön rot” sind. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

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Auf dem Kreuzweg

Passend zum Abschluß der derzeitigen Feiertage habe ich mich heute auf meinen eigenen Kreuzweg begeben, auch wenn der Vergleich einem gläubigen Christen vielleicht unangemessen erscheinen mag.Ein unerwarteter Telefonanruf hat mich heute wider besseren Wissens aus dem Haus getrieben.

Auslöser war ein Telefonanruf wie man ihn eigentlich nicht mehr erwartet nach einer Weile. Warum ich zugesagt habe weiß ich nicht. Vielleicht wollte ich einfach sehen ob ich es über mich bringe, vielleicht hatte ich ja auch noch nicht ganz aufgegeben. Es hat Nerven gekostet und ich habe ein wenig gelitten, ganz so wie es sein soll.

Übrig bleiben Fragen: Werde ich irgend etwas daraus lernen? Warum tue ich mir das immer wieder an?

Lied des Tages, passend zur Situation und den Feiertagen: Tori Amos – Crucify

I’ve been raising up my hands
Drive another nail in
Got enough guilt to start
My own religion
Why do we crucify ourselves?

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Rosencrantz & Guildenstern are dead

“Rosencrantz & Guildenstern are dead” ist ein Theaterstück von Tom Stoppard, daß man aber durchaus auch in seiner gedruckten Fassung genießen kann, denn die philosphisch absurden Dialoge seiner beiden Hauptfiguren haben einen überaus komischen Unterhaltungswert. Ähnlich wie Becketts “Warten auf Godot” lebt dieses Stück von den Dialogen seiner beiden Hauptfiguren. Und genau wie bei Godot haben wir es hier mit zwei Akteuren zu tun, deren Bedeutungslosigkeit der eigentliche Grund ihrer Existenz ist.

Rosencrantz und Guildenstern sind die beiden Schulfreunde von Hamlet, die ihn in Shakespeares Stück besuchen kommen. Ihre Bedeutung für das Stück “Hamlet” ist allerdings dermaßen gering, daß man die Szenen in vielen Inszenierungen von “Hamlet” kürzt oder gar komplett streicht. In Laurence Oliviers preisgekrönter Verfilmung tauchen die beiden zum Beispiel gar nicht auf und in der letzten Inszenierung des Schauspielhauses Köln, wurden die beiden Figuren einfach in die von Horatio integriert, so daß man letztendlich auch hier auf sie verzichten konnte.

Dabei sind es gerade die Randfiguren, etwa R2D2 und C3PO in “Star Wars” oder die beiden Bauern in Kurosawas “The Hidden Fortress”, die die Geschichte dem Publikum tatsächlich nahe bringen. Denn wie die meisten Menschen, werden diese Figuren vom Schicksal hin und hergeworfen ohne daß sie dieses beeinflussen könnten. Sie sind ein winziges Teil der Ereignisse um sie herum, die sie nicht verstehen.

Auf diesem Prinzip basiert das Stück dann auch. Guildenstern sagt die entscheidenden Worte bereits zu Beginn des ersten Aktes: “A weaker man might be moved to re-examine his faith, if nothinge else at least in the law of probability.” Da sind die Beiden bereits auf dem Weg nach Helsingör. Was sie dort sollen, das wissen sie auch nicht so genau. Man hat nach ihnen geschickt, also kommen sie. Was nützt es zu fragen warum?

Auf dem Weg dorthin treffen sie eine Gruppe von Schauspielern, deren Anführer ihnen fortan öfters begegnen wird und sie zu einer neuen Sichtweise auf die Dinge inspirieren wird ohne daß er ihnen die Antworten geben könnte, die sie suchen. Während die bekannte Tragödie um Hamlet abläuft versuchen die beiden herauszufinden, was genau eigentlich um sie herum passiert. Sie wissen sie sind Teil einer bedeutenderen Geschichte um sie herum aber eben diese können sie wie bereits erwähnt nicht erfassen. Was folgt sind verschiedene Ansätze um wenigstens etwas von dem Wahnsinn begreifen zu können, wie etwa eine philosophische Betrachtung über den Tod:

Rosencrantz: We might as well be dead. Do you think death could possibly be a boat?

Guildenstern: No, no, no… Death is…not. Death isn’t. You take my meaning. Death is the ultimate negative. Not-being. You can’t not-be on boats.

I’ve frequently not been on boats.

No, no, no – what you’ve been is not on boats.

Es sind Dialoge wie diese, in denen die intellektuelle Frage von Hamlet nach Sein oder Nicht-Sein karikiert wird, die das Stück so lesenswert machen. Ein weiteres Zitat aus diesem Stück schmückt den Kopf dieser Seite und wurde vom Autor dieses Blogs nicht nur zu seinem eigenen Motto gemacht sondern von ihm auch als Grundverständniss für das Bloggen selbst empfunden.

Das Ende kommt, wie man es aus Hamlet kennt. Die beiden werden in England hingerichtet, an das sie nach eignenen Aussagen gar nicht geglaubt haben. Guildenstern vermutete hinter England bloß eine Verschörung von Karthographen. So bleibt ihnen bis zum Schluß ihr Unverständnis, nicht mal das Ende verstehen sie. Schließlich hätten sie, wie Rosencrantz sich beklagt, keinem etwas getan oder? Aber es nützt nichts, das Ende ist unausweichlich.

Dem Leser bleibt am Ende neben der Vermutung auch nicht wirklich verstanden zu haben worum es ging doch ein wenig die tröstliche Erkenntnis, daß nicht wichtig ist was am Anfang oder Ende war sondern was dazwischen kam.

Allen, denen das Lesen nicht so zusagt, sei die sehr gelungene Verfilmung mit Tim Roth und Gary Oldman empfohlen, bei der Autor Tom Stoppard auch Regie geführt hat. Lesen sollte Sie das Stück aber trotzdem noch.

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Chuck

Letzte Woche fand die lit.Cologne statt, eine Festival rund um das Lesen und was damit so zu tun hat. Unter anderem hat da Chuck Palahniuk gelesen, den meisten vermutlich bekannt als der Autor von “Fight Club”, dem Buch aus dem dann ein Film mit Brad Pitt und Edward Norton wurde. Eine Menge Leute waren da, ich war da und die Elle war da, aber jeweils getrennt. Das kommt schon mal vor, besonders dann wenn man sich nicht direkt kennt.

Die Lesung war schon am Mittwoch, ich hatte mir dafür extra einen Tag Urlaub genommen. Die Elle hat gleich darüber geschrieben, ich nicht. Auch das kommt vor, besonders dann wenn man zunächt keine Zeit, dann keine Lust und dann wieder keine Zeit hat. Da ich aber von Herrn Palahniuk (der übrigens wie Paula und Nick ausgesprochen wird, falls Sie das schon immer mal wissen wollten) ziemlich beeindruckt war, wollte ich eine kurze Berichterstattung noch nachholen.

Herr Palahniuk kam also herein begleitet von einem Moderator, der dann moderiert hat und einem Schauspieler, der wohl recht bekannt, mir aber leider so unbekannt war, daß ich bereits wieder seinen Namen vergessen habe. Der Schauspieler hat dann aus dem neuesten Buch “Das letzte Protokoll” (im Original “Diary”) vorgelesen und das war sehr gut. Sowohl das Vorlesen, als auch das Buch.

Dann hat der Modeartor wieder ein wenig moderiert, was teilweise immens anstrengend war. Regelmäßige Besucher von Lesungen, insbesondere ausländischer Autoren kenn diesen Typus: Das sind dann Lektoren oder Übersetzer, die eigentlich viel lieber selbst was schreiben würden, dazu aber zu faul oder untalentiert sind und dann an einem solchen Abend ihre ganze Kreativität an einem Publikum auslassen, das nicht weglaufen will, weil man ist ja wegen des Autors gekommen. Und wenn der Moderator wieder zu Ende moderiert hat, dann kommt auch der Autor mal wieder zu Wort.

Sehr beeindruckt war ich dann wie bereits erwähnt von eben diesem Autor selbst. Chuck Palahniuk kam herein und war im Vergleich zum Autor eher schüchtern und zurückhaltend. Er trug ein ordentlich gebügeltes Hemd, darüber braun gemusterte Strickweste und eine Hose mit korrekten Bundfalten. Dazu eine Brille mit runden Gläsern und einen ordentlichen Scheitel. Alles in allem machte er eher den Eindruck eines Buchhalters oder Steuerberaters. Zu Wissen, daß dieser Mann Bücher wie “Fight Club” oder “Invisible Monsters” geschrieben hat erweckt das gleiche Gefühl, als ob man mitgeteilt bekommt der nette alleinstehende Herr aus dem zweiten Stock ist ein Serienkiller.

Vielleicht ist dieses Erscheinungsbild auch kalkuliert. Immerhin schreibt er in seinen Büchern auch immer über die Anarchie und die Abgründe, die unter so einer unscheinbaren Oberfläche liegen. Die Dinge von denen man immer fürchtet, daß sie da sind und über die niemand sprechen mag.

Er selbst hat dann noch die Kurzgeschichte “Guts” vorgelesen, die man hier auch nachlesen kann und die in dem demnächst erscheinenden Band mit Kurzgeschichten enthalten sein wird. Wieder ist es eine Geschite über Dinge, die man weiß, aber über die man lieber nicht sprechen mag.

Er erwähnte übrigens, daß bei Lesungen in den USA bei dieser Geschichte bereits 67 Personen in Ohnmacht fielen. In Köln fiel kein einziger in Ohnmacht. Aber als Kölner ist man ja ohnehin an so manches gewöhnt.

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