Archive for April, 2005

Bis dann, Marie

Bevor ich mich darüber auslasse, wie ich am vergangenen Wochenende meine Oma in der alten Heimat zu ihrem Geburtstag besucht habe und dabei einmal mehr das Gefühl hatte, die alte Heimat, wie ich sie in Erinnerung habe, hat nie so richtig existiert, muss ich noch kurz was anderes loswerden.

Man kommt ja dieser Tage nicht mehr richtig zum Schreiben, es kann ja mittlerweile ein Papst sterben, ein anderer und mit ihm ganz Deutschland zum neuen gewählt werden, Jürgen “Übermensch” Rüttgers in den aktiven Wahlkampf einsteigen und in sämtliche Fettnäpfchen in greifbarer Nähe tapsen ohne daß man auch nur dazu kommen würde auch nur eine Zeile darüber zu schreiben.

Marie hört auf und das tut mir sehr leid. Ich habe sie recht gerne gelesen und ich bedauere vor allem, daß ich sie in der letzten Zeit nicht mehr so häufig gelesen habe und jetzt auch das ganze Archiv nicht mehr zur Verfügung steht. So habe ich vieles nicht mehr erfahren und werde es jetzt vermutlich auch gar nicht mehr zu lesen bekommen. Vieles von dem was sie geschrieben hatte war für mich sehr gut nachvollziehbar, ich konnte mich in sie hineinversetzen. Gerade in ihren emotionaleren Texten blieb mir mehr als einmal ein dicker Kloß im Halse stecken.

Um so bedauerlicher ist der Grund warum sie aufhört. Es war mit Sicherheit nicht schön, jemandem, der sich einem öffnet eine andere Identität vorzuspielen. Ich kann mich auch noch halbwegs in diesen Menschen versetzen, in das Gefühl der Enttäuschung und des Betrogen-Seins, das dieser dann gehabt haben muß. Genauso wie ich mich mit Marie mitfühlen kann und vielleicht auch ein wenig ihr Verhalten nachvollziehen kann. Man baut sich zu leicht einen Panzer in den man sich zurückzieht wie eine Schildkröte um nicht verletzt zu werden.

Die genauen Details kenne ich nicht und sie gehen mich auch nichts an. Daß man aber anttäuscht ist, weil sich eine Person nicht als das Bild erweist, daß man von ihr hat und dies dann als grenzenlose Ungerechtigkeit empfindet will mir nicht recht in den Kopf. Genauso könnte man sich beklagen, daß Chaplin nie ein echter Tramp war oder Hugh Grant im echten Leben mit Prostituierten rum gemacht hat.

Wie gesagt, ich werde Marie vermissen und ich bedauere es, daß auch ihr Archiv nicht mehr zur Verfügung steht. Ich hätte gerne das eine oder andere von ihr nochmal gelesen.

Bis dann Marie. Und viel Glück für Dich Anne.

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Lyrix

Hier bei Screwtape’s zum ersten mal im Internet: Der Text zu John Cages legendärem Stück 4’33” vollkommen frei und absolut kostenlos.

4'33''

Für jedermann zum Mitsingen. Besonders für Anwälte und Bundesjustizministerinen.

(Bitte verklagen Sie mich nicht. Das ist ein Reflex bei mir, so ähnlich wie bei Woody Allen in “Annie Hall” als er von dem Polizisten gebeten wird seinen Führerschein vorzuzeigen. Im Zweifelsfall plädiere ich auf Unzurechnungsfähigkeit)

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The Life Aquatic with Steve Zissou

Steve Zissou ist Forscher und Abenteurer, seit mehreren Jahrzehnten durchstreift er die Weltmeere auf der Suche nach unbekannten Spezies. Seine recht große Fangemeinde läßt er daran durch die Filme teilhaben, die er von seinen Expeditionen dreht. Seine beste Zeit hat Steve allerdings schon hinter sich, sein letzter Film wurde vom Publikum nur mäßig aufgenommen und zu allem Unglück wurde bei den Dreharbeiten auch noch sein bester Freund von einem bisher unbekannten Hai gefressen. Bei einer neuen Expedition will er eben diesen Hai erlegen, seinen Freund rächen, seine Frau zurück gewinnen und seinen plötzlich aufgetauchten 29-jährigen Sohn kennenlernen. Was man als Forscher und lebende Legende halt so kurz vor dem Ruhestand macht.

“The Life Aquatic with Steve Zissou”
ist der neueste Film von Wes Anderson, dem Regisseur von “Rushmore” und “The Royal Tennenbaums”. Und das ist vermutlich der Grund für die mäßigen bis schlechten Kritiken die ich im Vorfeld über den Film lesen mußte. Entweder man mag Anderson oder man mag ihn nicht. Ich finde ihn großartig, seine Filme haben genau die Art von unterschwelligem Humor den ich so schätze. Die Pointen schleichen sich langsam an und kommen nicht so brachial daher wie in anderen Komödien der jüngeren Zeit.

Unterstützt wird das Ganze von einem großartigen Ensemble, die Rolle des Titel-Helden übernimmt der grandiose Bill Murray, als sein potentieller Sohn gibt sich Owen Wilson her, in weiteren Rollen erscheinen Willem Dafoe, Cate Blanchett, Anjelica Houston, Jeff Goldblum und Michael Gambon.

Mein persönliches Highlight fand ich allerdings in einer kleineren Nebenrolle. Erinnern Sie sich noch an Bud Cort? Den Teenager, mit dem dramatischen Hang zu suizidalen Inszenierungen, der in seiner Freizeit gerne Beerdigungen besuchte und sich in dem Film “Harold & Maude” in eine wesentlich ältere Frau verliebte?

Genau der hat eine der wunderbarsten Nebenrollen in “The Life Aquatic”, als Bill Ubell, Aufpasser einer Bank, die Steves Expedition finanziert, soll er darauf achten, daß alles mit rechten Dingen zu geht. Man hätte ihn fast nicht mehr erkannt, er ist ein wenig älter geworden.

Machen Sie sich doch selbst ein Bild, hier haben wir Harold, jung und hoffnungslos wie er damals war.

Harold and Maude

Und nun beachten Sie bitte den Herrn mit der Brille links hinter Bill Murray / Steve Zissou. Das ist Harold heute.

The Life Aquatic

Aus dem unglücklichen Jungen von damals ist also ein Buchhalter mit Glatze geworden. Und wenn es in “The Life Aquatic” so etwas wie eine Botschaft gibt, dann die, daß auch das nicht so schlimm ist. Viel besser noch, um es mit Steves Worten auszudrücken: “This is an adventure.”

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Beim Friseur

Mit fortschreitendem Alter setzen ja so die einen oder anderen körperlichen Verfalls-Erscheinungen ein. Wobei es für Frauen bei ihren typischen Problemen wie Orangenhaut und Fältchen (welche ich persönlich übrigens in den seltensten Fällen entstellend sondern in der Regel eher bezaubernd und charismatisch finde) ja allerlei Cremes und Salben gibt.

Als Mann hat man es da schwerer, das wurde mir beim heutigen Friseurbesuch erneut vor Augen geführt. Am Ende wurde ich wie immer gefragt ob es noch etwas Gel oder Haarwachs sein darf. Nee, danke hab ich gesagt, ist nicht nötig. Das stimmt, bekam ich in bestem Friseursalons-Small-Talk-Ton geantwortet, bei ihnen liegen die Haare ja auch so ganz gut.

Ja, antwortete ich scherzhaft, zumindest die die noch da sind. Es werden ja immer weniger. Hier will man jetzt hören daß das nicht so schlimm ist. Daß man noch volle, wallende Locken habe. Was man weniger hören will ist eine Antwort wie: Es ist doch weniger schlimm geworden als beim letzten mal. Von einem guten Friseur kann man doch erwarten, daß er die Neurosen seiner Kunden kennt oder?

Auch der sicherlich gut gemeinte Rat man solle doch mal einen Hautarzt aufsuchen, der könne vielleicht bei der ungewollten Abwanderung der Haare eine Gegenmaßnahme wissen. Also so schlimm ist es doch nun wirklich noch nicht. Als ob ich es nötig hätte wegen Alopezie einen Arzt zu konsultieren! (Notiz an mich selbst: in der nächsten Woche unbedingt einen Termin vereinbaren).

Auf dem Rückweg stellt man sich dann die Frage ob das jetzt echtes Mitgefühl war oder nur die Furcht einen Kunden zu verlieren. Irgendwann lohnt es sich vielleicht nicht mehr zum Friseur zu gehen. Man weiß es nicht, was Friseure so antreibt.

Aber lassen wir uns keine grauen Haare wachsen deswegen. Sorgen muß ich mir vermutlich erst machen, wenn mein Friseur gemeinsam mit einem Hautarzt einen gemeinsamen Praxis-Salon aufmacht.

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