Archive for September, 2005

Keine Missverständnisse

Werte Frau Merkel,

ich habe Sie so eben im Fernsehen sprechen hören. Ich wollte Ihnen nur mal mitteilen, daß Sie von mir keine klare Aufforderung zur Regierungsbildung bekommen haben. Ich meine, nicht daß Sie sich jetzt darauf verlassen und hinterher enttäuscht sind.

Mal unter uns Protestantenkindern: 35,4 Prozent scheint mir jetzt nicht gerade eine klare Aufforderung zur Regierungsbildung zu sein. Eher könnte man interpretieren, daß Sie zu mehr Engagement aufgefordert wurden. Wenn man denn gewillt wäre etwas aus dem Ergebnis zu lesen.

Mit ergebensten Grüßen
Ihr klarer Nicht-Aufforderer
Mike Screwtape

PS: Vielleicht reißt Dresden demnächst ja noch alles raus. Bleiben Sie optimistisch, uns, dem Stimm-Vieh, blieb ja gewissermaßen auch keine Wahl.

PPS: Grüßen Sie mir den Herrn Schröder schön, wenn Sie ihn sehen.

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Wird Herbst draußen

Irgendwie…fängt die Johanniskraut-Tabletten Saison dieses Jahr etwas früher an.

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Strassen(wahl)kampf

Je näher das Unvermeidliche rückt, also der eigentliche Tag der Abstimmung, um so ernsthafter gehen die Parteien nochmal auf Stimmenfang. So kann man dieser Tage kaum noch als wahlberechtigter Bundesbürger durch Deutschlands Innestädte schreiten, ohne von den eifrigen Basismitgliedern sämtlicher Parteien schräg angemacht werden. In solchen Zeiten lernt man die Zeugen Jehovas richtig schätzen, die still mit ihrem “Wachturm” in einer Ecke stehen.

So wurde auch ich heute von einer jungen Dame angesprochen. Sie trug etwas, das an ein Business-Kostüm erinnerte, aber dann doch wieder eine Spur zu lässig wirkte. Intuitiv hätte ich auf die FDP getippt, doch die hatten ihren Stand ein paar Meter weiter. Da die männlichen Mitglieder alle mit Anzug und Krawatte auftraten, sämtliche SeelenStimmenfänger unter 25 zu sein schienen, war die Sache eindeutig: Junge Union. Und zwar die ganz jungen.

- Hallo, darf ich Sie kurz ansprechen?
- Aber sicher doch, Sie sind ja schon dabei.
- Äh, ja. Sie werden in einer Woche doch sicherlich auch wählen gehen?
- Ich denke schon, ja. Eigentlich bin ich mir schon ziemlich sicher.
- Und haben Sie sich schon entschieden wem Sie ihre Stimme geben wollen?
- Ja, die Entscheidung ist bei mir schon gefallen.
- Und ich kann Sie nicht mehr umstimmen?
- Ich fürchte die Chancen sind eher gering.
- Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag.
- Danke, Ihnen auch. Und viel Glück noch.

Irgend jemand sollte den Strassenkämpfern der jungen Union mal sagen, daß sie nicht so leicht aufgeben sollten.

Für einen Augenblick dachte ich darüber nach, ob ich Sie darauf hinweisen sollte, daß sie mich nicht gefragt hat, für wen ich mich entschieden hatte. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, sie zu fragen ob sie heute Abend die Steuermodelle von Paul Kirchhof bei einer Flasche Rotwein bei mir zu Hause diskutieren wollte. Ich habe auch kurz überlegt, ihr zu sagen, daß sie noch andere Möglichkeiten hätte, mich doch noch umzustimmen.

Ich bin dann doch nach Hause gegangen. Die Butter in meiner Einkausftasche wurde schon weich.

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Das Kunstwerk des Tages

West meets East

Heute widmen wir uns einem Werk aus der späten Renaissance des ausgehenden Jahres 2005. In einer Zeit der großen Depressionen, als es übel um das Land stand schickt uns der Künstler eine hoffnungsvolle Botschaft mit seinem Werk “Der Ossi verneigt sich in Demut vor dem Mann aus dem Westen”.

Man beachte die für diese Epoche eindeutige und klare Linienführung und die eindeutigen Kontraste zwischen Schwarz und Weiß. Schwarz, so will uns der Künstler sagen, ist die vorherrschende Farbe und signifikant für einen Trend in unserer Gesellschaft. Sie drängt das weiß immer mehr an den rechten Rand, aber es gibt Hoffnung!

Ausgedrückt durch die weißen Hemden der Protagonisten kündet uns der Künstler von einigen wenigen aufrichtigen Menschen in unsere Mitte, die das Weiß, die Farbe der Unschuld, auf ihrer Brust, an ihrem Halse tragen. Sie sprechen uns Mut zu, sagen uns ‘Wir verkörpern das Reine und Gute und streifen uns das Jacket des Kapitalisten lediglich über um gleich dem Lamm, das ein Wolfsfell trägt, ungeschoren in der Mitte der Abgründigen wandeln zu können.’

Wenden wir uns den beiden Hauptfiguren zu. Die Linke Figur steht aufrecht, hat den Blick fest auf den Horizont gerichtet. Was mag er dort erblicken? Die goldene Zukunft? Das Land von Milch und Honig? Oder einfach nur ein gut gebratenes Schnitzel? Auf alle Fälle merken wir ihm an, daß er mit den glasigen Augen etwas Wunderbares erblickt, sein Lächeln drückt aus: Das will ich haben!

Auch sein Kamerad scheint wieder Mut zu fassen, auch er lächelt doch ist sein Blick nicht in die Ferne gerichtet sondern hängt förmlich an dem Antlitz des Heilsbringers, der sich aufgemacht das Land vom Elend zu erlösen. Sein Rücken ist gebeugt, man sieht ihm an, er ist geknechtet von den Jahren großer Mühsal. Gleichzeitig senkt er aber auch sein Haupt in Demut vor dem Erlöser, wir wissen sofort wer hier Herr und wer Gefolgsmann ist.

Doch was ist das? Unbemerkt vom Erlöser, dessen Blick in der Ferne weilt, spitzt der Kamerad die linke Hand zu einer obszönen Geste. Wie bei Judas ahnen wir, hier kann Verrat im Spiel sein! Tief im inneren hegt der Kamerad vielleicht bittere Gedanken, hegt ein Rebellentum und es beschleicht uns das Gefühl, daß dies kein gutes Ende nehmen kann.

Abgerundet wird dieses grandiose Kunstwerk durch die simplen Worte “Die Linke” am untersten Rand. Offensichtlich hat der Künstler diese prophetischen Worte in einem Akt der bewußten Provokation an den Rand gedrängt um dem Betrachter noch einen letzten Schock zu versetzen.

“Die Linke” was haben diese Worte für einen bedeutungsschwangeren Sinn? Direkt im Anschluß schließt der Künstler mit einem grünen Preisschild um uns mitzuteilen ‘Auch das hat seinen Preis!’ Doch ist nicht grün auch die Farbe der Hoffnung?

Dieses bedeutende Werk wird mit Sicherheit noch auf Jahre stilbildend für die gesamte Kunstwelt und richttungsweisend für unsere gesamte Gesellschaft sein.

Zu sehen ist das Werk noch bis zum 18. September auf dem Freiluft-Kunstgelände der Bundesrepublik Deutschland.

Update 8.09.2005:
Auf Grund des große Erfolges wurde die Ausstellung vorzeitig geschlossen.

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