Es gibt Tage im Leben eines Menschen, die bleiben ihm ewig im Gedächtnis, weil man ein einschneidendes Erlebnis damit verbindet. Die Welt hat sich verändert an diesem Tag, danach war sie nicht mehr wie zuvor.
Der 11. September 2001 war zum Beispiel so ein Tag. So ziemlich jeder, der diesen Tag bewusst erlebt hat, kann genau sagen was er an diesem Tag gemacht hat und wo er war als die Türme einstürzten, wohingegen viele wahrscheinlich schon Schwierigkeiten damit haben sich zu erinnern, was sie vor am gleichen Tag vor ein paar Monaten gemacht haben.
Emotionales Gedächtnis nennt man das. Die damit verbundenen Emotionen brennen die Erinnerung unausslöschlich in unserer Seele ein. Der 17. Oktober 1993 ist in meinem emotionalen Gedächtnis eingebrannt.
Dieser Tag – es war ein Sonntag – war ein Tag, der dem heutigen ziemlich ähnlich war. Es war ein warmer Tag, viel zu warm für die Jahreszeit. Der Himmel war leuchtend blau, als hätte man ihn frisch gestrichen.
Ich sollte am nächsten Tag eine Prüfung schreiben, es war mein letztes Jahr in der Schule. Noch knappe 5 Monate und ich hätte es überstanden, hätte meinen Abschluß. Trotz des schönen Wetters habe ich versucht zu lernen an dem Tag, was mir nur schwer gelang. Ich war schon immer ein eher fauler Penner.
Trotzdem wollte ich mir den Anschein geben, ich würde mich bemühen. So lag ich bereits im Bett als gegen zehn Uhr bereits das Telefon klingelte. Es war die Universitätsklinik Freiburg, sie riefen an um mitzuteilen, daß meine Mutter tot war.
Es kam nicht all zu überraschend, sie lag bereits seit sieben Monaten im Krankenhaus, den abgemagerten Kröper bereits total vom Krebs zerfressen. Ich fuhr mit meinem Vater ins Krankenhaus, er hatte zu dieser Zeit und eine ganze Weile später immer noch keinen Führerschein weil er sich zu uneigensichtig zeigte, was den Konsum von Alkohol und das Führen eines Fahrzeugs betraf. Ich erinnere mich noch wie ich mir während der Fahrt den Kopf über die Prüfung am nächsten Morgen zerbrach. Ich bin nicht mehr hingegangen.
Während mein Vater mit dem Arzt der Station sprach war ich zum letzten Mal allein im Zimmer mit meiner Mutter. Rückblickend habe ich mich damals vermutlich endgültig von ihr verabschiedet obwohl es mir zu dem Zeitpunkt noch nicht richtig bewusst war.
Ich sah sie an und irgendwie schien sie im Tod wieder an Kraft gewonnen zu haben. Ihre eingefallenen Wangen schienen wieder voller zu sein und ihr Gesicht war nicht mehr so bleich. Die Maschinen waren ausgeschaltet und die ganzen Schläuche waren entfernt. Sie schien zu schlafen und diesmal schien es ein erholsamer Schlaf zu sein. Ich hatte in den verganegen Monaten oft neben ihrem Bett gesessen und ihr bei Schlafen zu gesehen, aber sie sah selten so zufrieden aus wie an diesem Abend.
Bevor sie ins Krankenhaus kam wurde sie ambulant behandelt, ich fuhr sie regelmäßig zur Chemo-Therapie nach Freiburg, was mir ehrlich gesagt ziemlich auf die Nerven ging. Ich hatte in der Zeit nach ihrem Tod und eigentlich auch heute noch ein ziemlich schlechtes Gewissen deshalb, aber wenn man erst 19 Jahre alt ist, dann nimmt man das Herumfahren der kranken Mutter als ziemlich lästig war. Ganz abgesehen davon, daß man in diesem Alter noch an die eigene Unsterblichkeit glaubt und die derjenigen, die man liebt.
Ich habe versucht es nicht zu zeigen, aber ich fürchte sie hat es gespürt. Meine Mutter kannte mich besser als irgend ein Mensch, sie wusste wenn ich lüge, wenn ich traurig war oder wütend ohne daß ich auch nur ein Wort sagte. Ich war vermutlich schon immer zu sehr ein Mama-Kind, wohingegen zu behaupten ich hätte keine besonders emotionale Beziehung zu meinem Vater vermutlich noch als die Untertreibung des Jahrtausends betrachtet werden könnte. Knapp zwei Jahre später bin ich von zu Hause ausgezogen.
Es heißt immer dieser oder jener war zu jung um zu sterben, doch was heisst das schon? Als meine Mutter starb war sie 42 Jahre alt und ich habe das immer als sehr ungerecht empfunden. Es war einfach nicht fair, nicht so jung und nicht unter diesen Umständen.
Sie war der herzlichste und gütigste Mensch den ich jemals gekannt habe und das obwohl sie kein all zu gutes Leben hatte. Als uneheliches Kind in einer Zeit geboren, in der das noch als Schande galt, vor allem in ländlicheren Gebieten wurde sie ständig von einer Familie in die andere geschoben und wurde dort bestenfalls geduldet. Sie hat sehr jung geheiratet und bekam ebenfalls sehr jung ein Kind nämlich mich. Als sie in meinem Alter war, waren bereits mein Bruder und mein Schwester hinzugekommen und mit mir musste sie sich plagen weil ich mich in der Schule, wie es so schön genannt wurde, nicht “in die Gemeinschaft der Klasse integrieren” konnte. Ich habe ihr Leben mit Sicherheit nicht einfacher gestaltet.
Meine Mutter hat sich immer große Sorgen um mich gemacht, vielleicht weil ich ihr erstes Kind war, vielleicht weil ich immer ziemlich viele Dummheiten angestellt habe. Ich kam selten bis nie mit anderen Kindern aus und war am liebsten für mich. Sie hatte stets Angst, daß ich alleine nicht zurecht kommen würde, schon lange bevor sie krank wurde. ‘Du bist ein Träumer’, hat sie immer wieder zu mir gesagt.
Vermutlich sind die meisten Eltern so, aber als ich zum ersten Mal den Song ‘Winter’ von Tori Amos gehört habe, mit der Zeile “You must learn to stand up for yourself, Cause I can’t always be around”, habe ich wieder daran erinnert. Vermutlich ist Miss Amos deshalb meine Lieblingsmusikerin geworden und dieser Song mein Lieblingssong.
Ich habe niemals versucht zu zeigen wie sehr sie mir fehlte. Ich habe nicht im Krankenhaus um sie geweint und nicht in der Kirche. Am Morgen nach ihrem Tod habe ich zum ersten mal geweint und danach noch ein paar Mal nachts wenn ich alleine war, aber so gut wie niemals vor Anderen. Ich habe es immer als unpassend empfunden vor anderen mein Gefühle zu zeigen.
Es tut mir heute so vieles leid, ich denke an so vieles, was ich hätte anders machen müssen. Aber ich kann die Dinge nicht ändern und so muß ich mich damit abfinden, wie sie sind. Ich frage mich heuet manchmal, was meine Mutter heute über mich denken würde, wenn sie mich heute sehen würde. Ich weiß, ich habe eine Menge Dinge getan und eine Menge Entscheidungen getroffen mit denen sie nicht einverstanden wäre. Vermutlich würde sie immer noch sagen ‘Du bist ein Träumer, Mike’.
Sie fehlt mir, sie fehlt mir schrecklich und ich komme mir sehr lächerlich vor, mit meinen 31 Jahren immer noch meine Mutter zu vermissen, obwohl sie nun schon zwölf Jahre nicht mehr da ist. Selbst heute träume ich manchmal noch von ihr und dann wache ich auf mitten in der Nacht und denke sie wäre noch da. Und wenn die Erinnerung dann langsam die Oberhand über den Halbschlaf gewinnt, dann kommen wieder die Tränen, immer noch alleine im Dunkeln, wenn mich niemand sieht und hört.
Ich habe es nie geschafft mit jemandem darüber zu sprechen, was ihr Tod für mich bedeutet hat und auch heute kann ich das noch nicht. Dies alles aufzuschreiben hat mich schon Überwindung genug gekostet. Vor einem Jahr saß ich noch mehrere Stunden über einem Text und habe ihn schließlich dennoch verworfen.
Es ist einfacher geworden mit den Jahren. Der Schmerz ist noch da, aber er ist nicht mehr so stark. Es heißt ja die Zeit würde alle Wunden heilen. Vielleicht gewöhnt man sich aber auch nur daran. Und davor habe ich Angst.