Ende der Übertragung
Ich habe diese Woche die eine oder andere Mail bekommen, mit dem Hinweis, daß meine letzten Einträge nicht sonderlich berauschend ware.n, tatsächlich weist man mich daauf hin, wie selbstmitleidig die Texte der jüngeren Zeit ware. Ein Leser, der Herr J. fühlte sich sogar bemüßigt mir persönlich mitzuteilen, daß dies der Grund dafür wäre daß er Screwtape’s abbestellt. Seien Sie mein Gast vereehrter J.
Das Schicksal scheint in jüngster Zeit tatsählich zu versuchen die Grenzen meiner emotionalen Belastbarkeit auszuloten. Da ist zum Beispiel mein kaum existentes Privatleben, daß gerade mal wieder vollends den Bach runter geht (und ja, wie jedes Desaster in meinem Privatleben hängt es auch dieses mal mit einer Frau zusammen), beruflich habe ich die negative Aufmerksamkeit von so ziemlich jedem Vorgesetzten auf mich gezogen, den ich über mir habe. Damit dürfte meine Karriere, die ich eigentlich nie angestrebt habe und nie wollte, so ziemlich hinüber sein. Schlimmer noch, wird diese Aufmerksamkeit vermutlich zur Folge haben, daß ich nur noch die Assignments bekomme, die man nur als Strafe betrachten kann. Prozessoptimierung in Ost-Sibirien? Da schicken wir Mike hin.
Ich bin darüber hinaus gerade dabei etwas aufzugeben, was mir ziemlich viel bedeutet hat (und ich meine nicht den Alkohol), was ich nicht gerne mache, wozu ich mich aber durch die derzeitigen Umstände leider gezwungen sehe. Bis hierhin wäre ich noch bei Ihnen, wenn es um das Thema wehleidiges Gejammer geht.
Doch wie bereits erwähnt scheint das Schicksal gerade zu prüfen, wieviel es noch drauf packen kann, bevor der Esel endgültig zusammenbricht. Vergangene Woche bekam ich einen Anruf von der Sorte, den man eigentlich nicht bekommen möchte. Ich hatte nie ein besonders intensives Verhältnis zu meiner Verwandschaft, ich war nie ein Familientyp, bin selten auf Feiern gegangen.
Aber einen mochte ich dennoch besonders, den Bruder meiner Mutter. Vielleicht lag es daran, daß er weiter weg wohnte und ich ihn als Kind nur 1-2 mal im Jahr gesehen habe, aber man, was haben diese Besuche bedeutet. Mein Onkel war immer gut drauf, riss Witze und wusste Geschichten zu erzählen. Er fuhr als einziger regelmäßig in Urlaub, immer weit in den Süden, auf so ferne Inseln wie Fuerteventura. Das mag aus heutiger Sicht lächerlich erscheinen, aber als Kind klang das für mich, als wäre es in Zentral-Afrika. Ich hätte mir nie träumen lassen, daß ich jemals selbst die Möglichkeit hätte an einen solchen Ort zu kommen.
Mein Onkel hatte auch eine Kamera, keine Videokamera sondern eine richtige. Bei seinen Besuchen brachte er stets einen Projektor mit und wir sahen die Filme seiner Urlaube an. Ich war so beeindruckt, wie man es als Fünfjähriger, der nichts als den Schwarzwald kennt, nur sein kann.
Vor einigen Jahren dann, als ich wieder einmal eine schwierige Phase durchmachen mußte und ich nicht wusste wohin ließ er mich bei sich wohnen. Er hat nicht dafür verlangt, ich musste mir keine Belehrungen anhören, ich habe nichts von der unausgesprochenen, unterschwelligen Forderung nach Dankbarkeit zu hören bekommen, die ich sonst kennen gelernt habe wenn mir Hilfe angeboten wurde. Aber ich war ihm dankbar.
In den letzten Jahren hatte ich nur spärlichen Kontakt mit ihm. Da war der Job, der mich ständig auf Trab hielt, meine Immobilität und die Tatsache, daß er doch ziemlich in der Provinz wohnt. Irgendeine Ausrede fand sich immer und ganz ehrlich, ich bin ein König darin für mich Entschuldigungen zu finden. Ich nahm mir ständig vor ihn wieder zu besuchen, habe es aber nie in die Tat umgesetzt.
Anfang des Jahres wollte ich ihn anrufen, es war so eine Art Tradition, immer an Neujahr anzurufen und viel Glück zu wünschen. Aus irgend einem Grund habe ich es nicht gemacht und ich habe sicher wieder eine gute Entschuldigung dafür gefunden. Aber ich nahm mir vor ihn dieses Jahr ganz sicher und ganz bestimmt zu besuchen.
Letzte Woche kam dann eben dieser besagte Anruf. Mein Onkel hatte einen Unfall. Seit zwei Wochen liegt er nun schon im Koma. Wenn er über lebt (wenn!) dann wird er bleibende Schäden zurückbehalten. Er wird vielleicht nie mehr laufen können. Ich habe daraufhin bei seiner Frau angerufen, meine Hilfe angeboten, was ziemlich dumm war. Er liegt im Koma, was um alles in der Welt sollte ich tun können um zu helfen. Ich würde gerne hinfahren, habe aber die Befürchtung, ich wäre nur im Weg. Und was mich beinahe in den Wahnsin treibt, ist der Gedanke vielleicht nie mehr mit ihm sprechen zu können.
Dies kam nun auf meine kleinen alltäglichen Dramen, die schon belastend genug waren, noch oben drauf. Alles in allem denke ich, daß ich durchaus zu Recht ein wenig angespannt bin. Um ganz ehrlich zu sein, ich bin am Rande der Verzweiflung. Aber man darf sich nichts anmerken lassen, unter der Woche muß ich die glatte Oberfläche eines top-professionellen Consultants zeigen. Keine privaten Dramen durchscheinen lassen, vor allem lass Dich niemals privat mit dem Kunden ein. Halte alles immer auf einem professionellen Niveau.
Ich habe kaum Kontakte zu meiner Familie, ich habe nicht viele Freunde und mit den wenigen, die ich habe, kann ich über diese Dinge nicht wirklich sprechen. So bleibe ich alleine damit in der Dunkelheit in der Nacht und das Einzige was ich getan habe um einen Teil des Drucks abzugeben war zu schreiben und es hier zu veröffentlichen.
Bis jetzt. Die freundliche Ankündigung von Herrn J. war für mich der Anstoß eine Schritt zu gehen, denn ich in Gedanken schon lange mit mir rumtrage. Dies wird für eine Weile mein letzter Text auf Screwtape’s sein. Dabei ist es nicht die Tatsache, daß sich einige Leser an den wehleidigen Texten stören könnten, denen kann ich nur ein beherztes “Screw you” zurufen. Ich habe niemanden dazu aufgefordert hier mitzulesen, ich habe es vor kurzem gesagt und wiederhole es jetzt noch einmal: In erster Linie habe ich hier immer für mich geschrieben, nicht um den Journalismus zu revolutionieren und nicht um bestimmten Menschen zu gefallen.
Ich wollte aber auch immer etwas wirklich Gutes schreiben, einen Text, der es vielleicht wert ist, daß er aufgehoben wird und wegen dem man sich vielleich eines Tages an mich erinnern wird. Mancher mag darin vielleicht ein arrogantes Ziel sehen, aber es war immerhin ein Ziel, daß ich hatte. Was mehr ist als machen Menschen von sich behaupten können.
Ich werde also innerhalb kurzer Zeit eine weitere Sache aufgeben, die mir viel bedeutet hat. Ich habe in den letzten zwei Jahr sehr gerne geschrieben, es hat in mir etwas geweckt, daß ich bereits verloren geglaubt hatte. Ich sehe mich aber derzeit nicht in der Lage dies weiter zu machen, also werde ich eine Pause einlegen. Ganz aufgeben kann ich es nicht, dazu bin ich demBlog-Virus doch zu sehr verfallen und ich habe auch genügend positive Erfahrungen mit Lesern gemacht.
Wei lange die Pause sein wird kann ich jetzt noch nicht sagen, vielleicht ein Wochen, vielleicht ein paar Monate, wer weiss? Das war es jetzt erst mal. Der letzte Satz.
Ende. (To be continued)




