Zunächst meinen herzlichen Dank an all diejenigen, die mir zu meiner Rückkehr geschrieben haben.
Ich habe nicht alles erzählt was mir in den letzten Wochen und Monaten passiert ist und was ich erlebt habe. Einiges davon ist so persönlich, daß ich es nicht einmal hier erzählen mag.
Eine Sache muß ich aber dennoch erzählen, ich denke ich bin es dem einen oder der anderen schuldig, der/die mir zu Beginn meiner Pause eine sehr persönliche Mail geschrieben haben.
Mein Onkel hatte im Februar diesen Jahres einen Unfall. Auf dem Weg zur Arbeit wurde er von einem LKW erfasst, der auf glatter Fahrbahn ins Schleudern kam, und überfahren. Der Fahrer hat sich anschließend aus dem Staub gemacht.
Mein Onkel war zu Fuß unterwegs , er hatte Zeit seines Lebens nie einen Führerschein. Vermutlich habe ich meine Abneigung gegen das Führen von Kraftfahrzeugen aus dieser Ecke der Familie geerbt.
Nicht daß er zu dumm gewesen wäre die Prüfung zu bestehen, er hat es einfach nicht als notwendig angesehen eine Führerschein zu besitzen. Seine Frau besaß ja einen und ohne die ging er sowieso fast nirgends hin.
Außer zur Arbeit, wie an diesem Morgen Anfang Februar. Er war beinahe schon beim Bahnhof als es passierte. Ein paar Minuten früher oder später und der LKW wäre in der Kurve einfach so über den Bürgersteig geschlittert. Wieder so ein Was-wäre-wenn-Ereignis. Es ist müßig darüber nachzudenken, aber es geht einem dennoch nicht aus dem Kopf.
Knapp sechs Wochen lag er in einem künstlichen Koma. Keiner konnte sagen ob er wieder aufwacht und wie er dann sein wird. Er hatte mehrere gebrochene Knochen, innere Blutungen und schwere Kopfverletzungen. Ich habe täglich auf den Anruf gewartet, der mir mitteilt, daß es zu Ende ist. Es war das gleiche unerträgliche Warten wie damals bei meiner Mutter und wie damals habe ich mit dem gleichen Ergebnis gerechnet.
Es kam anders. Kurz bevor ich zu meiner Reise aufbrach kam der Anruf, daß er wieder aufgeweckt werden konnte. Ich kann nicht beschreiben wie groß das Gewicht war, das mit diesem Anruf von mir abfiel.
Nach meiner Rückkehr habe ich ihn dann endlich besucht, da war er bereits wieder knapp zwei Wochen zu Hause. Ihn zu sehen war schlimm aber nicht so schlimm wie ich erwartet hatte.
Mein Onkel war immer sehr schlank aber nun war er eigentlich nur noch ein lebendes Gerippe, das sich auf seine Krücken stützte. Filme sind ja nie besonders realistisch wie unrealistisch es aber ist, daß jemand über Jahre im Koma liegt, danach aufsteht, und unter akrobatischen Höchstleistungen aus dem Krankenhaus türmt hat mir das Bild meines Onkels klar gemacht.
An einem Fuß mußten ihm sämtliche Zehen abgenommen werden, mit gespieltem Stolz erklärte er, daß er dafür nicht einmal einen Berg besteigen mußte. Er ist schwer zu verstehen, wenn er spricht. Er muß teilweise wieder sprechen lernen, zwei mal die Woche geht er nun zu einem Logopäden. Ansonsten die übliche Reha, Muskelaufbau, Krankengymnastik das gesamte Programm eben.
Neben diesen ganzen physischen Schäden hat auch sein Erinnerungsvermögen gelitten. An den Unfall selbst kann er sich überhaupt nicht erinnern, was den Prozess gegen den LKW-Fahrer sehr schwierig macht.
Sein Kurzzeitgedächtnis bereitet ihm ebenfalls Probleme. Er kann mir Dinge erzählen, die passiert sind als ich ihn als Kind besucht habe. Doch wenn man ihn auf etwas anspricht, was man kurz zuvor besprochen hatte, kann es vorkommen daß er sich nicht erinnert. Ein wenig wie in dem Film “Memento” nur ohne Tattoos. Die Ärzte meinen zwar, daß sich das mit einer Therapie wieder beheben ließe, das macht es aber nicht weniger unheimlich.
Bei all dieser Veränderung in seinem Erscheinungsbild fand ich es aber um so erstaunlicher, daß sich seine Augen nicht verändert haben. Sie wirkten müde, aber immer noch so jungenhaft, wie ich sie aus meiner Kindheit kannte. Sie passen irgendwie nicht zu dem abgemagerten Mann mit den Krücken.
Als ich im Februar zum ersten mal von seinem Unfall geschrieben hatte, erhielt ich einige Mails, in denen man mir vorwarf ich hätte mir die Geschichte ausgedacht, ich würde sie erzählen um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich kann hier nicht beweisen, daß sie wahr ist und ich habe auch keine Lust dazu. Ich kann nur erklären daß dies alles tatsächlich passiert ist und daß es viel zu makaber ist sich so etwas auszudenken.
Mit allem was meinem Onkel passiert ist scheinen andere Dinge an Bedeutung zu verlieren, was andere davon halten ist mir egal.
Meine eigene Krankheit, bei der ich immer noch Schwierigkeiten habe sie als eine solche zu akzeptieren, scheint mir im Vergleich dazu wie ein verstauchter Knöchel und wenn ich darüber nachdenke bekomme ich ein schlechtes Gewissen.
Ich kann nicht behaupten besonders gläubig zu sein, tatsächlich habe ich andere Leute, die über einen festen Glauben verfügen immer beneidet. Ich weiß nicht ob es einen Gott gibt, ich wünsche es mir, aber ich kann leider nicht wirklich aus Überzeugung glauben.
Aber als ich meinen Onkel wieder gesehen habe war ich davon überzeugt, daß es Wunder geben kann.