Seit es in diesem Frühjahr zu dem Aufschrei an der Berliner Rütli-Schule kam hatte ich das Verlangen selbst einmal zu der Thematik Stellung zu beziehen. Die Hauptschulen sind das Sammelbecken für die Kinder von Migranten und Verlierern wer sie besucht braucht sich nicht viel Hoffnung auf eine großartige Zukunft machen und das was im Allgemeinen als “Karriere” bezeichnet.
Einen Abschluß auf der Hauptschule zu machen ist so etwas wie einen indirekten Antrag auf Hartz-IV zu stellen. Wenn man keine Zukunftsaussichten hat, dann frustriert das natürlich, man neigt zur Aggressivität und sofort fühlen sich alle bestätigt, die sich schon immer Sorgen um diese spezielle soziale Schicht gemacht haben. Jetzt verlangt der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann in einem offenen Brief die generelle Abschaffung der Hauptschulen. Große Klasse, damit sollte sich das Problem lösen lassen.
Dabei ist das eigentliche Problem ein ganz anderes, nämlich die gesellschaftliche Teilung. Ob wir es wahr haben wollen oder nicht, wir haben uns in eine Klassengesellschaft entwickelt und diese manifestiert sich symbolisch in den Hauptschulen. Selbst in den tolerantesten und aufgeschlossensten Köpfen hat sich festgesetzt, daß deren Absolventen nicht zum geringsten taugen.
Und diese Einstellung gibt es nicht erst seit der Rütli-Schule, sie ist über Jahre gediehen und hat sich mehr und mehr kultiviert. Mit welcher Kompetenz ich das beurteilen kann? Ich habe das alles erlebt, ich habe einen Hauptschulabschluß.
Gegen Ende der 80er habe ich meinen Abschluß an einer Hauptschule gemacht. Damals war dies noch nicht so ungewöhnlich. Die Hauptschule war mehr oder weniger gleichberechtigt neben den anderen Schularten. Sie wurde von den Unternehmen akzeptiert, die Leute aus meiner Abschlußklasse hatten alle einen Ausbildungsplatz und wer keinen hatte, der ging auf eine weiterführende Schule. Heute ist das nur noch für einen Bruchteil der Abgänger denkbar.
Wer auf die Hauptschule geht, der hat nie für mehr getaugt. Entschieden wird das bereits relativ früh. Ich erinnere mich, daß es in der vierten Klasse einen Eignungstest gab nachdem entschieden wurde auf welche Schule jeder gehen sollte. Ich war neun Jahre alt und in diesem Alter wurde entschieden, was für Chancen ich in der Zukunft haben sollte.
Die letzte Entscheidung lag schließlich bei meinen Eltern, die wurden aber intensiv beraten. Ja, klug wäre er ja schon, der Mike. Aber auffallend oft unkonzetriert und abwesend. Neigt zum Tagträumen und lässt nicht den notwendigen Ehrgeiz erkennen. Gymnasium auf keinen Fall, vielleicht die Realschule. Am Ende ging ich auf die Hauptschule. Was sollte auch so schlimm daran sein, schließlich waren vor mir ebenfalls alle aus meiner Familie auf der Hauptschule.
Diese Schulzeit war für mich nicht wirklich eine Herausforderung, die Tendenz zum Tagträumen und zur Abwesenheit verstärkte sich bei mir. Auch die Sache mit dem Ehrgeiz entwickelte sich nicht besser, wozu auch? Ich hatte perfekte Noten und musste mich nicht einmal dafür anstrengen. Ich habe kaum Hausaufgaben gemacht, das konnte ich in der Regel als morgens im Schulbus noch nachholen.
Meine schlechtesten Fächer waren Sport und technisches Werken (man wurde relativ direkt darauf vorbereitet einen handwerklichen Beruf zu ergreifen). Sport konzentrierte sich hauptsächlich auf Fußball, Volleyball oder Basketball und ich war nie ein Freund von Manschaftssportarten. Und während meine Mitschüler damit beschäftigt waren Hocker, Voglehäuschen und Kerzenhalter zu basteln habe ich deren Federmäppchen auf der Werkbank festgenagelt, was meiner sozialen Integration nicht sonderlich dienlich war.
Im restlichen Unterricht kam es gelegentlich vor, daß die Lehrer mich mit Sonderaufgaben versorgten, damit ich den Unterricht mit den restlichen Schülern nicht störte. Mein damaliger Englischlehrer brachte mir zum Beispiel meine ersten englischen Bücher mit und während der Rest der Klasse sich einen Grundwortschatz aneignete las ich “The Wind in the Willows” im Original.
Das klingt nun erstmal ziemlich arrogant oder erweckt den Anschein, ich wäre ein geistiger Überflieger gewesen. Tatsächlich war ich aber nur ein normales durchschnittlich begabtes Kind, das auf der falschen Schulfrom gelandet war. Wie normal und durchschnittlich ich war sollte ich direkt nach meinem Abschluß merken.
Da sich meine handwerklichen Fähigkeiten darauf beschränkten Schulmaterial auf die Werkbank zu nageln und eine Lehre als Einzelhandelskaufmann für mich nicht in Frage kam besuchte ich getreu dem Motto “Irgend was muß man ja machen” eine zweijährige Fachschule für Wirtschaft.
Hier habe ich zum ersten mal im klassischen Sinne etwas gelernt. Zunächst einmal daß ich gar nicht so schlau war, wie ich mich damals selbst schon fand. Ich musste zum ersten Mal in meinem Leben im Unterricht aufpassen und ich musste meine Hausaufgaben tatsächlich auch zu Hause machen, die mrogendliche Busfahrt reichte dazu nicht mehr aus. Außerdem lernte ich damals, daß ich für einen betriebswirtschaftlichen Beruf eher nicht geeignet war. Mein Notenspiegel fiel rapide ab.
Während dieser Zeit entwickelten sich weitere Dinge, die für meine Zukunft entscheidend waren. Zum einen habe ich vermutlich irgendwann damals meine Depressionen entwickelt, die mir bis heute erhalten blieben (und ich beklage mich ständig es gäbe nichts Beständiges in meinem Leben). Zum anderen entwickelte ich den Wunsch studieren zu wollen. Wann das eine oder andere genau eintrat kann ich aus heutiger Sicht nicht mehr genau sagen. Es gab weder eine Epiphanie noch einen Schock der als Auslöser herhalten hätte können. Ich glaube beides waren irgendwie schleichende Prozesse.
Am Ende machte ich einen recht guten Abschluß und stand wieder einmal vor der Frage wie es weitergehen sollte. Meine Mutter drängte mich schon lange vorher endlich Bewerbungen zu schreiben. Für sie war die schlimmste Vorstellung, daß ich ohne Ausbildungsplatz dastehen würde, für mich war es eine Lehre als Industirekaufmann machen zu müssen. Halbherzig habe ich ein paar Bewerbungen geschrieben, in den meisten Fällen einigten sich die Unternehmen und ich auf gegenseitiges Uninteresse.
Also ging ich nochmal zur Schule, diesmal ein Berufskolleg. Am Ende hatte ich die Fachochschulreife, kein Abitur aber immerhin die Berechtigung an einer Fachhochschule zu studieren. Was ich dann im zweiten Anlauf auch wirklich getan habe, ich habe schließlich noch ein Stipendium bekommen was es mir ermöglichte ein Semester an einer richtigen Universität in Manchester zu studieren.
Während all der Jahre bin ich aber das Stigma Hauptschule nie wirklich los geworden. Zu Beginn meines Studiums hatte ich einen Kommilitonen, der mir die Frage stellte, wie ich den auf die Idee gekommen wäre zu studieren als er von meiner Vergangenheit erfuhr. Die Frage war nicht scherzhaft gemeint, er konnte es tatsächlich nicht begreifen, wie mir so eine Idee kommen konnte. Zu meiner eigenen Genugtuung hat er das Studium schließlich geschmissen, ein Jahr bevor ich meinen Abschluß machen konnte.
Ähnliche Erfahrungen habe ich immer wieder gemacht, als ich mich während des Studiums auf einen Praktikumsplatz beworben habe musste ich sogar die Erfahrung machen, daß es mir zum Nachteil werden konnte, wenn ich in meinem Lebenslauf darauf hinwies. Mit der Zeit habe ich es einfach verschwiegen und viele meiner Kollegen und Bekannten wissen nicht, daß sie es mit einem ehemaligen Haptschüler zu tun haben. Und bei vielen bin ich mir sicher, daß ich der einzige in ihrem sozialen Umfeld bin.
Es gab auch immer wieder Leute, die mir zu meiner Entwiclung gratulierten und die meinten ich könnte stolz auf meinen Werdegang sein. Stolz auf was? Darauf, daß ich über Umwege erreicht habe was andere direkt geschafft haben? Darauf, daß ich durch das System gefallen bin.
Ich wurde mal von einem Lokalpolitiker gefragt ob ich an einer Veranstaltung teilnehmen wollte, einer Art Podiumsdiskussion. Es ginge um Bildungsthemen und ich wäre doch ein gutes Beispiel dafür wie gut unser System funktionieren würde, da jemand wie ich schließlich zu einem Diplom kommt. Selten in meinem Leben habe ich mich so gedemütigt gefühlt. Ich habe freundlich abgelehnt. Mal abgesehen davon, daß ich mit der veranstaltenden Partei nicht viel hätte anfangen können, so wollte ich auch noch ein Alibi für ein Bildungssystem sein, daß ich von Grund auf für falsch hielt.
Sollten die Hauptschulen also abgeschafft werden? Ich denke nicht. Muß unser Bildungssystem reformiert werden? Definitv. Es kann nur falschs ein eine deart richtungsweisende Entscheidung wie den geeigneten in einem Alter zu treffen, indem die Entwicklung eines Menschen, die Bildung von Charakter und Persönlichkeit gerade erst begonnen hat.
Wir verstehen uns als eine aufgeschlossene und tolerante Gesellschaft und dennoch haben wir uns Vorurteile gebildet und wenn wir doch einmal die Ausnahme finden, dann sehen wir sie als die berühmte Bestätigung der Regel. Ich bin fest davon überzeugt daß viele Schüler von Hauptschulen zu mehr fähig sind, ja daß vielen von ihnen tatsächlich in der Lage wären mit so manchem Gymnasiasten gleich zu ziehen wenn man ihnen nur die Gelegenheit dazu geben würde. Doch wie die Dinge heute liegen wird sich daran erst nicht viel ändern. Wer aus einer “bildungsfernen” Schicht kommt, hat wenig Chancen dieser Schicht zu entkommen. Es werden Studiengebühren eingeführt ohne daß die Entscheidungsträger einen Gedanken daran verschwenden würden wie finanziell schlechter gestellte Studenten diese aufbringen können.
Daß ich heute ein Diplom habe, daß ich heute hier bin wo ich bin hat nichts mit einer Gesellschaft zu tun in der jedem alle Möglichkeiten offen stehen. Es hat nichts damit zu tun, daß ich besonders begabt gewesen wäre oder daß ich besonders fleißig war (Gott weiß daß es das nicht wahr). Schon gar nichts hat es damit zu tun, daß man meine Talente erkannt hätte oder daß ich besonders gefördert worden wäre.
Daß ich erreicht habe, was ich heute habe ist einer ganzen Reihe von Zufällen und viel Glück zu verdanken. Das ist die bittere, zynische Wahrheit: ich habe einen großen Teil meiner Bildung einfach einer Reihe von glücklichen Zufällen zu verdanken. Das System hat versagt und etwas anderes zu behaupten hieße sich selbst zu belügen.