“Sie haben es ja gut” sagt sie zu mir als ich zur Tür hinaus komme. Verwirrt frage ich mich wie sie darauf kommt. “Daß sie in so einem tollen Haus wohnen können.” “Hm, ja”, brumme ich vor mich hin “Vermutlich haben sie recht”. Und ich sehe zu daß ich aus ihrer Reichweite komme, bevor sie beginnt komische Fragen zu stellen.
‘Wenigstens werden sie nicht ständig von Touristen angequatscht wenn sie aus dem Haus gehen’ denke ich mir. Wie Leute nur auf die Idee kommen es würde einem gut gehen, nur weil man in einem bunten Haus wohnt. Nein, es geht mir gerade gar nicht gut. Aber wenn man aus der Tür eines bunten Hauses kommt kann man das den Leuten nicht sagen. Sie würden es sowieso nicht glauben.
Während ich zur Straßenbahn laufe bekomme ich wieder ein schlechtes Gewissen dafür, daß es mir nicht gut geht. Die Touristin hat eigentlich recht, ich habe es ja gut. Ich wohne in einem bunten Haus (von ihnen sieht man das nur nicht, da ist es ganz normal) und habe einen tollen Job, vor 15 Jahren hätte mir niemals irgend jemand zugetraut, daß ich jemals so einen Job haben werde.
Ich entwickle einen dezenten Hass auf die mir unbekannte Touristin, was meine Laune aber nur kurzfristig bessert und sich danach in noch mehr Schuldgefühle verwandelt. Wegen grundlosem Touristinen-Hassen.
Ich fühle mich elend. Abends nehme ich eine Tablette, damit ich schlafen kann. Morgens eine damit ich mich überwinden kann aufzustehen. Fluoxetin ist mein Freund geworden, ohne geht gar nichts mehr. Es hilft mir zu lächeln, wenn ich innerlich heulen möchte. Ich kann damit endlos langen Meetings sitzen obwohl ich lieber zu Hause auf meinem Sofa liegen würde. Und ab und zu sage ich dann sogar etwas, daß unglaublich klug und witzig klingt.
Fluoxetin hilft mir mich zu verstecken. Keiner sieht mich, ich bin irgendwo drinnen, nach außen sieht es gut aus. Ich kann hier etwas Schreiben, was dann so klingt als wäre ich mit Herzblut an einem Thema interessiert.
Ich wohne nun seit mehr als zwei Monaten schon in Darmstadt und ich war noch nicht wirklich aus. Ich war im Kino ein paar mal. Einmal gingen alle Kollegen aus dem Büro essen, ich bin mitgegangen fühlte mich aber wie ein Fremdkörper. Ich habe schnell aufgegessen und bin gegangen.
Ich bin über den Weihnachtsmarkt gelaufen. Darmstadt hat vermutlich den traurigsten und kümmerlichsten Weihnachtsmarkt in ganz Deutschland. Ein paar Buden, in denen billige Töpfe, Bratpfannen, Küchenmesser und Ledergürtel-Imitate verkauft werden. Der Glühwein ist viel zu süß und schmeckt nach Spülmittel.
Ich denke an die Weihnachstmärkte in Köln. Am Schokoladenmuseum gab es ein Spanferkel. Am Rudolfplatz gab es eine Bude die verkaufte handbemalte Christbaumkugeln. Braucht kein Mensch, hat aber mehr mit Weihnachten zu tun als Flaschenbürsten.
Ich erinnere mich an Freiburg, als ich noch ein Kind war. Meine Mutter ging mit meinen Geschwistern und mir hin. Dort gab es Dampfnudeln, mit Vanillesauce und heißen Sauerkirschen, daß war der Himmel. Es lag Schnee und ich habe mich nicht alleine gefühlt. Die Weihnachtszeit dauerte ewig.
Jetzt ist sie fast schon vorbei. Ich fühle mich jetzt oft alleine, meistens aber fühle ich gar nichts. Manchmal habe ich keine Idee was ich gerade fühle. Es gibt keine Dampfnudeln mehr, nichts schmeckt nach Vanille oder Sauerkirschen. Es fällt kein Schnee mehr, der alles zudeckt und alles weiß und sauber aussehen lässt.
Ich muß jetzt Schluß machen. Es wird Zeit meine Tabletten zu nehmen.