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Archive for February, 2007

Liebe Amelie

Jetzt sind wir uns also endlich begegnet. Ich bin gute 300 km gefahren um Dich zu sehen und Du hast mich erstmal angespuckt. Ich gehe aber mal davon aus, daß es nichts persönliches war. Deine Mutter meinte zu mir es wäre sogar eine Form der Sympathiebezeugung.
Dich zu sehen war überwältigend, mehr als ich es mir jemals hätte träumen lassen. Ich kann Dir nicht genau sagen was ich erwartet habe. Vielleicht hatte ich alle Erwartungen aufegeben.

Du lebst jetzt da wo ich einmal gelebt habe. Ich habe mich da irgenwie nicht mehr wohl gefühlt. Von einem gewissen Standpunkt aus könnte man sagen ich bin einfach abgehauen. Ich hoffe Du fühlst Dich wohl da, Du findest viele Freunde und wirst Dich niemals so einsam fühlen wie ich es tat. Ich hoffe Du spürst niemals diesen Hunger und diese Leere wie ich sie an manchen Tagen in mir spüre.

Deine Mutter ist ein großartiges Mädchen, sie bedeutet mir viel. Ihre Welt ist nicht meine aber sie wird immer meine kleine Schwester bleiben. Ich kann mich nur verschwommen erinnern, wie es war, als sie ein kleines Mädchen war.

Sie hatte damals mehr von einem Jungen als ich. Sie hat sich mit anderen Kindern geprügelt, ist auf Bäume geklettert während ich immer zu viel Angst hatte. Unsere Welt damals war klein und irgendwann war sie mir nicht mehr genug. Ihr hat sie immer gereicht und manchmal macht mich das immer noch ziemlich neidisch.

Ich wollte immer viel erreichen, herumkommen und in gewisser Weise habe ich das auch geschafft. Dennoch bin ich nie unglücklich.

Als ich Dich sah mit Deinen kleinen Fingern, dünn wie Streichhölzer, fiel mir auf wie zerbrechlich Du bist. Ich bekam ein wenig Angst aber ich weiß daß sich Deine Eltern gut um Dich kümmern werden. Und ich, Dein Onkel, werde das auch so gut ich kann.

Ich hoffe das Leben ist gut zu Dir und Du wirst glücklich werden. Da draußen gibt es so viel was schief gehen kann. Andere Menschen können Dein Herz brechen, das Schicksal kann unerbittlich zuschlagen. Ich habe das selbst erlebt und ich würde alles dafür geben, wenn ich Dich davor beschützen könnte. Aber ich fürchte das liegt jenseits meiner Handlungsmöglichkeiten. Du wirst auch Deine Erfahrungen machen, davor kann Dich niemand beschützen. Und ich wünsche Dir, daß Du durch sie stärker wirst.
Ich habe über alle diese Dinge nachgedacht, die ich Dir zeigen möchte und ich hoffe, daß ich dazu die Gelegenheit haben werde. Mir sind all diese Dinge in den Sinn gekommen, die Du noch sehen wirst, wenn ich längst nicht mehr bin. Ich hoffe Du erinnerst Dich dann an Deinen alten Onkel.

Ich habe den Wechsel eines Jahrtausends erlebt, das wirst Du auch nicht schaffen. Aber glaube mir, Du hast nichts verpasst. Wir hatten uns alle übermäßig gesorgt und Hoffnung gemacht. Je nachdem in welcher Stimmung wir waren haben wir den drohenden Untergang der Welt oder den Anbruch einer neuen Epoche erwartet. Nichts davon ist passiert, alles ist geblieben wie es war.

Aber Du wirst vielleicht ein neues Jahrhundert noch erleben. Zugegeben, Du wirst dann vermutlich ziemlich alt sein aber die Möglichkeit besteht immerhin. Du wirst vielleicht erleben wie Menschen auf dem Mars landen oder andere, neue Welten entdecken. Du wirst vielleicht erleben, wie sich alles eines Tages zum besseren wendet. Ich kann mir kaum vorstellen, was Du alles eines Tages mal sehen wirst und ich beneide Dich darum.

Inzwischen hoffe ich, daß Du mich auch mal besuchst, ich freue mich schon jetzt darauf. Und vielleicht spuckst Du mich dann ja auch nicht mehr an.

Dein, Dich vergötternder Onkel
Mike

Amelie

PS: Wenn ich Dich so betrachte fällt es mir schwer diesen Brief an Dich unter “Alltägliches” abzulegen.

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