Archive for March, 2007

Neil Gaiman im Autohaus

Ich hatte verwaschene Jeans, ein schwarzes T-Shirt und meinen Ledermantel an, was Frank dazu verleitete mich zu fragen ob ich mich für den Anlaß so herausgeputzt hätte. Ich war wieder in Köln und das nicht nur, weil mir die Stadt mit der großen Dorfkirche ein wenig fehlt. Nein, der Anlaß meines Besuches war darüber hinaus noch eine Veranstaltung der lit.cologne und zwar die Lesung von Neil Gaiman.

Die fand in einem Autohaus statt und ich bin mir immer noch nicht sicher ob es eine Herabwürdigung der Veranstalter war, die die wichtigen Veranstaltungsorte für Autoren “ernsthafter” Literatur reserviert hatten oder ob es eine geschickt ausgewählte Location war, die den exzentrischen Werken des Autors angemessen schien.

Wie auch immer die Lesung war unterhaltsam und Neil Gaiman war ziemlich gut drauf als er aus seinem frisch ins Deutsche übersetzten Buch “Anansi Boys” vorlas. Er auf englisch, der ebenfalls anwesende Gerd Köster auf deutsch. Zu diesen beiden gesellte sich dann noch ein Moderator, der ziemlich nervig war, weshalb ich mir verdientermaßen auch seinen Namen nicht gemerkt habe.

Es fing bereits damit an, daß er Neil Gaiman in einem verzweifelten Versuch in irgendwo zu kategorisieren als Fantasy-Autor vorstellte. Im Anschluß gab der Moderator ohne Namen dann an, das Buch letzte Woche zur Vorbereitung auf den Abend noch schnell gelesen zu haben und man merkte ihm sehr an, was für eine Qual dies für ihn gewesen sein muß.

Nachdem Neil Gaiman und Gerd Köster dann ungefähr eine Stunde immer wieder abwechselnd vorgelesen hatten begann aber der wirklich schlimme Teil der Moderation. Es folgte ein Lehrstück darüber wie man eine Veranstaltung moderiert, auf die man sich nur mäßig vorbereitet hatte.

Es genügte ihm nicht mehr den Autor zu kategorisieren, esmußte auch gleich noch das Buch sein. Also mußte der Autor gefragt werden, was das Buch denn wäre worauf Mr. Gaiman erst einmal ziemlich cool antwortete: “First of all it’s 451 pages.”

Mr. Gaiman machte dann eine Reihe wirklich kluger Bemerkungen, so zum Beispiel seine Ansicht zum Drang alles kategorisieren zu müssen: “Genres are something that helps people to navigate in bookstores” oder was es bedeutet ein Autor für Comics zu sein: “Comic is a medium that people mistake for a genre”.

Auf seine anderen Tätigkeiten als Autor von Drehbüchern, Comics und Kinderbüchern angesprochen antwortete Mr. Gaiman daß es ihn nur reizen würde Geschichten zu erzählen, das Medium spielt dabei keine Rolle. Und irgendwie nimmt man ihm das auch so richtig ab.

Denn eigentlich ist es genau das was Neil Gaiman zu einem meiner Lieblingsautoren macht. Er mag sprachlich nicht die Qualitäten anderer Schriftsteller haben aber er versteht es wie kein Zweiter Geschichten zu erzählen bei denen man mitfühlt und an deren Ende man immer ein wenig traurig ist, daß man Abschied nehmen muß. Dabei ist es mri vollkommen egal ob es sich um ein Buch, einen Film oder um einen Comic handelt.

Die weiteren Antworten von Mr. Gaiman waren spontan und witzig, was ihm das Publikum mit entsprechendem Applaus und Gelächter zollte und den Moderator ständig zu der Bemerkung verleitete, daß er das ja jetzt nicht zu übresetzen brauchte denn er würde schon an der Reaktion merken, daß es verstanden würde. Was ihn dann aber nicht davon abhielt dennoch noch einmal zu übersetzen und dabei so grottig und schlecht, daß das Meiste falsch war, weg blieb oder an Bedeutung verloren hatte.

Erstaunlich war auch die Mischung des Pulikums. Mütter waren mit ihren Töchtern da, es gab Leute die aussahen, als ob sie sich auf dem Weg zur Gothic Party verirrt hätten und Männer in Anzügen, die offensichtlich direkt vom Büro herkamen. Es waren Teenies da und Leute die ganz offensichtlich schon längst in Rente waren. Ich habe mich gefragt ob sie alle die Geschichten von Neil Gaiman kennen und ob sie das gleiche darin gelesen haben wie ich.

Wenn man mal von dem Moderator ohne Namen absieht war es eigentlich ein äußerst unterhaltsamer Abend und wie oft bekommt man schon die Gelegenheit einem seiner persönlichen Helden zu begegnen?

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Set this House in Order

Andrew Gage hat ein großes Problem: Er ist niemals alleine. In seinem Kopf hat sich eine Gesellschaft der merkwürdigsten Typen versammelt. Da gibt es seinen Vater, seine Tante Sam, Adam und Jake und eine ganze Reihe anderer Bewohner in dem Haus, das nur in Andys Kopf existiert. Denn Andy ist das, was man eine multiple Persönlichkeit nennt.

Geistige Krankheiten können oftmals nicht geheilt werden, statt dessen muss der Kranke lernen, wie man mit der Krankheit lebt. Eine Ärztin konnte Andrew helfen mit seiner Krankheit zu leben. In seinem Kopf hat er ein Haus gebaut, ein großes Haus mit vielen Zimmern in denen all die Persönlichkeiten leben können, die sich Andrew Körper teilen müssen.

Das Prinzip ist recht einfach: Andrew ist der Boss, er bestimmt was geschieht. Wenn er den Körper übernimmt, dann sind die anderen Persönlichkeiten im Haus. Sie schauen vielleicht vom Balkon aus zu was draußen, außerhalb des Körpers geschieht oder sie sind in ihren Zimmern. Aber niemand streitet um die Kontrolle des Körpers niemand übernimmt gewalttätig die Kontrolle des Körpers. Keine Gewalt mehr, das ist wichtig.

So kann Andrew Gage ein recht beschauliches Leben führen bis er eines Tages Penny Driver kennen lernt. Penny oder auch Mouse leidet wie Andrew an einer Persönlichkeitsstörung. Doch wo Andrew ein ordentliches Haus hat herscht bei Penny Chaos. Sie wacht in fremden Betten auf ohne sich zu erinnern wie sie dort hingekommen ist , hat Blackouts und findet sich immer wieder in den unmöglichsten Situationen wieder ohne zu wissen wie sie hineingeraten ist.

Pennys Persönlichkeiten scheren sich nicht darum was Penny will, wenn das Bedürfnis da ist übernehmen sie ihren Körper und drängen Penny zurück in die Dunkelheit.

Seine exzentrische Chefin überredet Andrew dazu Penny zu helfen. Als Betroffener muß er doch am Besten wissen wie mit so etwas umzugehen ist oder. Widerwillig beginnt sich Andrew um Penny zu kümmern, zunächst auch mit Erfolg. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes und ein alter, längst vertriebener Bewohner aus Andrews Haus kehrt zurück und ihn kümmern die Regeln im Haus relativ wenig.

Um das Chaos im Haus wieder in Ordnung zu bringen muß Andrew zum Anfang zurück, dorthin wo die erste seiner Persönlichkeiten aufgetaucht ist. Und erstaunlicherweise ist im Penny dabei eine große Hilfe, während sie selbst lernt mit ihren Bewohnern umzugehen.

Viele werden sicherlich das Erstlingswerk “Fool on the Hill” von Matt Ruff kennen. Mit “Set this House in Order” hat er sich nach meiner Meinung um Welten weiterentwickelt. Er behält den Humor von “Fool on the Hill” bei und wird gleichzeitig ernsthafter, düsterer. Manche der Schilderungen in dem Buch sind so grausam daß man es kaum ertragen kann. Als Leser entwickelt man Verständnis dafür wie eine Erfahrung derart schrecklich sein kann, daß man sich vor der Welt zurückzieht in ein dunkles Loch und statt dessen eine Persönlichkeit vorschiebt die besser in der Lage ist mit der Realität umzugehen als man selbst. Jemand, der man selbst gar nicht sein will.

Matt Ruff schont seine Leser nicht, im Laufe der Geschichte wird man mit sexuellem Missbrauch, Hass, Verachtung, Demütigungen und einer ganzen Reihe anderer menschlicher Abgründe konfrontiert und ich habe mir dabei oft die Frage gestellt wieviel kann ein Mensch ertragen bis er in tausend kleine Splitter zebricht.

Was mir aber besonders an dem Buch gefiel ist die beiläufige Erkenntnis darüber was es bedeutet “nicht normal” zu sein. Zu Beginn des Buches ist es relativ klar, die beiden Hauptfiguren Andy und Penny sind diejenigen, die einen an der Waffel haben. Doch je mehr man von den Nebenfiguren erfährt, desto mehr wird einem klar daß eine klare Definition von normal und verrückt überhaupt nicht möglch ist. Jede der Figuren und mögen sie auch noch so “normal” erscheinen offenbart früher oder später seine Macken. Es gibt Egozentriker, Realitätsverweigerer, Workaholics und reine Psychopathen und unter all diesen Leuten scheinen Andrew und Penny, die um ihre Krankheit wissen, gelegentlich selbst am gesündesten zu sein. Das kann für jemanden der selbst mit seinem Geisteszustand ringt sehr tröstlich sein.

Es ist mittlerweile knapp zwei Jahre her seit ich das Buch gelesen habe. Mittlerweile hat sich in meinem Leben einiges geändert, an vielen Dingen muss ich noch arbeiten. Ich baue auch gerade mein Haus. Ich habe zwar keine multiple Persönlichkeit (zumindest nicht daß ich wüsste) aber ich habe meine eigene geistigen Dämonen. Seit etwas über einem Jahr bin ich mehr oder weniger regelmäßig in Behandlung. Einer der Ärzte bei denen ich wahr hat mir recht offen gesagt daß ich vermutlich nicht mehr geheilt werden kann, zumindest nicht im landläufigen Sinne. Statt dessen muss ich lernen mit meiner Krankheit zu leben. Ich habe eben erst das Fundament gebaut und habe täglich Angst, daß es nicht hält.

“Set this House in Order” ist ein wunderbares Buch, eine Geschichte für die die Gattung Tragikomödie geradezu geschaffen ist. Es sei allen Leuten mit geistigen Krankheiten wärmstens empfohlen, es wird sie sehr trösten. Allen anderen sei es ebenfalls nahe gelegt in der Hoffnung, daß es ein wenig Verständnis schafft. Und nicht zuletzt unterhält man sich hoffentlich recht gut dabei.

PS:
Diese Empfehlung ist Anke Gröner gewidmet. Nicht weil ich glaube, daß sie das nötig hätte, sondern einfach weil sie sie ist.

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Where I’ve been, what I’ve done

Dieser Tage, genauer gesagt gestern, wurde ich gemahnt, weil ich hier seit geraumer Zeit nichts mehr veröffentlicht hatte. Und Sapperlot, ich muß gestehen, das stimmt sogar. Aber das haben Sie sicherlich schon selbst festgestellt.

Die Gründe waren vielfältig und obendrein auch recht fragwürdig. Da war zunächst die allgemeine Lethargie gepaart mit einer heftigen Depression, die mich verstärkt von jeglicher Betätigung fern hielt. Darüber hinaus tat ein äußerst anstrengender Job sein übriges.

Da hatte ich mich jüngst gefragt ob der Wechsel nun doch die richtige Entscheidung war. Zweifel krochen in mir hoch, hatte ich mir zuviel zugemutet? Da half eine Einladung zum Alumni-Treffen bei meinem alten Arbeitgeber und prompt wusste ich wieder daß es ein größerer Fehler gewesen wäre nicht zu wechseln.

Die neue Stadt und ich haben immer noch nicht wirklich zusammen gefunden, ich möchte nicht von wirklicher Abneigung sprechen aber es bleibt das dräuende Gefühl gegenseitiger Fremdheit. Wir beschränken unseren Kontakt auf das Nötigste und gehen uns nach Möglichkeit aus dem Weg (ich war jetzt ungelogen 6 Monate kein einziges Wochenende aus, von vereinzelten Kinobesuchen abgesehen). Ich gebe es ungern zu, da ich dies noch nie über einen Ort sagen mußte, aber Köln fehlt mir ein wenig.

Dann habe ich mir neulich im Affekt (anders lässt es sich nicht wirklich beschreiben) eine Playstation 2 gekauft. Antrieb des Kaufes waren grundsätzlich Frustration und Depression, zwei äußerst unzuverlässige Kaufberater. Muß mir mittlerweile eingestehen, daß es eine Fehlinvestition war, ich verfüge weder über die notwendigen Reflexe für eine solche Kurzweil noch habe ich das geistige Fassungsvermögen und die notwendige Feinmotorik um die ganzen Special Moves von “Urban Reign” adäquat auszuführen. In einem kurzen Augenblick des Zweifelns kam mir die Befürchtung daß ich schon zu alt für diese Form der Unterhaltung bin, habe dann aber beschlossen, daß ich vermutlich lediglich zu intellektuell bin.

Das war so ziemlich alles was mir in den letzten Monaten widerfahren ist. Nichts Spannendes, nichts Spekatkuläres, ich habe auch nicht (bewusst) wieder eine kreative Pause eingelegt. Es gab schlicht nichts über das ich hätte schreiben können und das muß man erst mal können, über nichts schreiben.

Ich hatte das eine oder andere Mal tatsächlich ein Thema über das ich tatsächlich schreiben wollte, aber dann dachte ich mir auch wieder: Wozu? Wie diese Woche als ich die Frage der Bild “Sollen wir Deutschen die Erde alleine retten?” beantworten wollte, aber das Einzige was mir einfiel war “Wenn nicht wir, wer sonst?” und das war vermutlich nicht die Antwort die man bei Bild hören wollte.

Jedenfalls gelobe ich hiermit Besserung, ich werde versuchen regelmäßiger zu schreiben, wenn es notwendig werden sollte auch wieder über nichts (mehr war dieser Eintrag bis hierher ja auch nicht).

Das Einzige was mich nochmals abhalten könnte wäre wenn ich morgen früh wie des öfteren in der jüngeren Vergangenheit mit den Gedanken von Edward Goreys jugendlichem Held erwachen sollte:

Edward Gorey

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