“Das sind sie nicht” sagte er zu mir. Einen kurzen Augenblick glaube ich, daß er über meinen Zustand im metaphysischen Sinne referiert. Aber die hochgehaltene Bahncard signalisiert mir daß der Zugbegleiter lediglich daran zweifelt daß ich tatsächlich Inhaber derselbigen bin.
Der junge mann auf dem Bild ist ungefähr acht Jahre jünger als ich. Sein Gesicht ist etwas hagerer, das Haar länger und er hat keinen Bart. Bin ich das wirklich nicht? Wenn ja, wer bin ich dann?
Ich sitze im Zug nach Frankfurt. Kein wirkliches Ziel, keine Aufgabe nur durch die Stadt laufen und Zeit totschlagen. Andere machen Weihnachtseinkäufe, ich weiß aber nicht für wenn ich was kaufen soll. Hätte sowieso kein Geld, hab mich in letzter Zeit ein wenig finanziell übernommen.
In zwei Tagen ist Weihnachten und wie all die Jahre zuvor bin allein. Während der Feiertage ist die Einsamkeit am schlimmsten. Jedes Jahr wartet man darauf, daß etwas passiert. Ein Wunder, der Geist der Weihnacht kommt vorbei und am Ende wird alles gut. Aber das Leben ist keine Geschichte von Charles Dickens.
Geduld muss man haben heisst es, sich zusammenreisen. Klingt logisch wird aber im Laufe der Jahre immer schwieriger. Wenn man jung ist hat man ein Bild wie man sein möchte. Wenn man älter wird bekommt man von anderen erklärt wie man sein soll und schließlich stellt man fest wie man tatsächlich ist.
Dummerweise hört dann niemand auf zu sagen wie man eigentlich sein sollte, Kollegen, Bekannte, die mittelbare und unimttlebare Verwandschaft, Fernsehen, Radio und schließlcih auch das Internet. Und es fällt einem immer schwerer zu akzeptieren wer man tatsächlich ist.
“Wenn sie keine gültige Bahncard haben müssen Sie nochmal eine Fahrkarte nachlösen.” Wo ist der Kerl von dem Foto hin, dessen Bahncard ich habe? All zu gern würde ich mit dem Zugbegleiter diese Frage diskutieren aber sein finsterer Blick macht mir deutlich, daß ihm wenig an einem deartigen Gespräch liegen würde. Letzendlich erwartet das auch niemand von ihm.
Zu müde um wirklich zu diskutieren entsteht der Versuch daß Ganze zu einer auf Fakten basierenden Lösung zu bringen an deren Ende ich zur endgültigen Authentifizierung noch meinen Personalausweis reiche. Der Mann auf dem Bild dort ist lediglich vier Jahre jünger als ich, er hat bereits sehr kurzes Haar und einen dünnen Ziegenbart. Das Gesicht wirkt bereits ein wenig unnatürlich aufgeschwemmt, vermutlich von irgendwelchen Medikamenten.
Es zerstreut die Zweifel nicht ganz aber scheint dem Zugbegleiter für den Augenblick zu genügen. Zum Abschluß weist er mich noch darauf hin, daß ich bei der nächsten Verlängerung der Bahncard bitteschön mal ein neues Bild einsenden möge. Dieser letzte Hinweis auf ein Verschulden einer Fehlidentifikation meinerseits musste dann vermutlich doch noch sein.
Draußen ist es kalt und in zwei Tagen ist Weihnachten.