Archive for July, 2008

30-Sekunden-Romanze

Das Mädchen steht in der Mitte des Ganges der Strassenbahn. Ich schaue sie an und sie sieht mich an. Sie ist nicht im klassischen Sinne eine Schönheit, tatsächlich wirkt ihr Gesicht schon betont unsymetrisch. Gerade das macht sie für mich aber besonders attraktiv.

Sie trägt einen grauen Seidenschal und sieht damit sehr verwegen und abenteuerlich aus. Reisefotografin in Nordafrika vielleicht.

Sie lächelt mich an und ich lächle zurück. Zum ersten mal an diesem Tag, zum ersten mal seit langer Zeit überhaupt. Und dann schaut sie nicht peinlich berührt weg wie dies sonst so ist bei diesen Begegnungen sondern sie sieht mich weiter an und lächelt immer noch.

Und ich denke jetzt müsste ich sie wohl ansprechen. ‘Hi, ich bin Mike. Ich hab dich eben gesehen’ könnte ich vielleicht sagen. Blöder einfallsloser Spruch, aber mehr würde mir sicherlich nicht einfallen.

Sie würde mir antworten daß sie mich auch gesehen hat und daß sie es vielleicht toll finden würde mal was mit mir trinken zu gehen und wir würden Telefonnummern austauschen. Ein paar Tage später würden wir dann tatsächlich was trinken gehen.

Wir würden uns unterhalten und sie würde mir von sich erzählen. Daß sie studiert und fast fertig ist. Anglistik und Germanistik. Sie liest viel, ‘Jane Eyre’ ist eines ihrer Lieblingsbücher. Überhaupt mag sie die verrückten Bronte-Schwestern. Und dann kommen wir auf Comics und sie meint damit könnten sie eigentlich nichts anfangen aber ‘Sandman’ von Neil Gaiman hätte sie gelesen und gut gefunden der hätte so etwas literarisches. Und ich wäre so glücklich und esktatisch zugleich daß ich ohne es zu merken quassele und einen Idioten aus mir mache. Aber sie lacht nur. Am Ende des Abends würden wir uns nochmal verabreden.

Und danach würden wir uns noch öfters treffen. Wir würden zusammen ins Kino gehen und ins Theater. Und eines Tages würden sie dann sogar bei mir übernachten. Und ich wäre so glücklich nicht mehr alleine zu schlafen. Morgens würde ich als erster aufwachen und ihr zusehen wie sie schläft. Und obwohl sie keine klassische Schönheit ist würde ich denken daß es wohl kaum ein schöneres Mädchen geben kann und daß es in dem Augenblick wohl kaum einen glücklicheren Menschen geben kann als mich.

Dann hält die Strassenbahn plötzlich an und sie steigt aus. Mir wird bewusst daß ich sie die ganze Zeit angestarrt habe und dabei vermutlich ziemlich blöde ausgesehn habe. Ich sehe ihr nach wie sie wegläuft und noch schnell ihren Schal zurecht zupft.

Als die Strassenbahn los fährt blickt sie sich noch einmal um und sieht mich an und lächelt wieder. Ich lächle ebenfalls und hebe noch die Hand um ihr zu zuwinken. Doch ich fürchte das sieht sie schon gar nicht mehr.

Ich habe nicht mal ihren Namen erfahren.

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