Archive for March, 2009

Mängelexemplar

Ausgerechnet die Kuttner hat ein Buch über Depressionen geschrieben und damit hatte ich dann grundsätzlich ein Problem. Es ist zum einen so, daß ich Frau Kuttner sehr mag. Ich hatte Spaß an ihrer Show, deren Absetzung das Ende der letzten unterhaltsamen Sendungen im deutschen (Musik)fernsehen markiert hat. Ich mag sie bei öffentlichen Auftritten weil sie oftmals etwas kluges zu sagen hat und ansonsten rundherum unterhaltsam ist.

Aber.

Eigentlich traue ich ihr nicht zu ein Buch über Depressionen zu schreiben zumal sie in Interviews darauf besteht selbst nie eine Depression gehabt zu haben. Depressionen sind für mich, der ich selbst seit Jahren davon geplagt bin, ja auch was persönliches und es fühlt sich einfach ungerechtfertigt und fast wie ein Eindringen in meine Privatssphäre durch Frau Kuttner an.

Also was tun. Erstellen wir eine Pro- und Contra-Liste. Pro: Ich mag Frau Kuttner wirklich gut leiden. Ehrlich jetzt. Weiteres Pro: Bücher die sich mit meinen Problemen beschäftigen haben eigentlich immer gewonnen bei mir. Contra: Eigentlich möchte ich nichts von Sarah Kuttner über Depressionen hören.

Das macht dann 2:1 für das Buch. Also wird es gekauft in der prophetischen Erwartung, daß die junge Frau Kuttner es voll versemmelt hat.

Was sollte ich mich doch getäuscht haben.

Im Grunde genommen ist das Buch wenig spekatakulär und wird vermutlich weniger Überraschungserfolg werden als daß von der Kollegin Frau Roche. Erzählt wird knapp ein Jahr im Leben der jungen Karo Herrmann, die schwuppdiwupp einfach mal so eine depressive Verstimmung (erste Diagnose) bekommt. Die Umstände sind nicht besonders gut, Freund weg, Job weg, da kann man schon mal Trübsal blasen.

Dann wird eigentlich lediglich erzählt was der jungen Frau so widerfährt als sie sich mit ihrer Depression auseinandersetzen muss. Und das ist dann auch schon mal alles.

Wodurch das Buch dann aber immens gewonnen hat war die unglaubliche Authentizität mit der all das beschrieben wurde. Der weg von Psychotherapeuthen zu Psychiatern. Der Umgang mit Medikamenten. Totale Zusammenbrüche und Angstzustände. Ein ums andere Mal habe ich innerlich ausgerufen: Ha! Das ist ja genau wie bei mir.

Wenn Karo also mal meint daß sie ihre Medikamente absetzen könnte, weil es geht ja jetzt schon wieder und dann doch plötzlich wieder Angstanfälle bekommt dann kann ich das gut nachvollziehen weil es bei mir genau so war. Angstanfälle sind ja sowas wie ein wildes Tier, das im Schatten außerhalb des eigenen Bewusstseins lauert. Man weiß daß es da ist und wenn man nicht ständig aufpasst, dann springt es einen an. Vorzugsweise um 3 Uhr in der früh.

Andere Sachen waren weniger realistisch. Wie schnell Karo eigentlich immer einen Termin beim Psychiater oder bei Ihrer Psychotherapeuthin bekommt erscheint mir aus eigener Erfahrung äußerst unrealistisch. Wenn man nicht akut suizidgefährdet ist erhält man frühestens nach einem Vierteljahr einen Termin. Psyhiater sind in Deutschland immer überbucht, Psychotherapeuthen sowieso.

Der Eröffnugssatz ‘Eine Depression ist ein fucking Event’ hat eigentlich fast dazu geführt daß ich das Buch wieder weg gelegt hätte. Psychiater sagen sowas nicht. So etwas will ich auch nicht hören von einem Psychiater. Andererseits muss ich gestehen daß bei allem Wiedererkennungswert jede Depression auch sehr persönlich verläuft und gute Psychiater natürlich auf ihre Kunden eingehen können. Vielleicht war es im Falle von Karo das Richtige zu sagen.

Einen ganz großen Bonus erhält Frau Kuttner für das komplette Auslassen jeglicher Suizidszenarien. Das ist ja so ein hässliches Klischee, daß Depressionen und Suizidgedanken immer Hand in Hand miteinander gehen müssen und von dem ich sehr froh bin daß es hier ausgelassen wurde. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen daß man jahrelang depressiv sein kann ohne über Suizid nachzudenken.

Überhaupt ist es der ganz große Verdienst des Buches sich mit Depressionen als Krankheit auseinanderzusetzen. Da wird logisch heran gegangen, als wenn eine Grippe behandelt wird. Etwas das im hier und jetzt statt findet und das behandelt werden muss.

‘Mängelexemplar’ ist kein spektakuläres Buch, keine das, wie man so schön sagt, aufrütteln wird. Eigentlich ist es noch nicht einmal eine Geschichte sondern lediglich eine Momentaufnahme aus dem Leben einer jungen Frau mit Depressionen.

Aber es ist eine genaue Aufnahme, eine feinkörnige mit vielen Details und einer teilweise fast schon nüchternen Betrachtungsweise. Ich hatte das Gefühl, daß Frau Kuttner verstanden hat was eine Depression ausmacht und wenn sie selbst noch keine hatte, dann macht sie das zu einer sehr guten Journalistin, die ihr Thema recherchiert hat.

Für mich bleibt eins: Wenn mir wieder einmal die Frage gestellt wird wie das denn so ist mit einer Depression und wenn mir dann die Worte fehlen und ich selbst nicht in der Lage bin die Worte zu finden, dann kann ich zukünftig sagen ‘Lesen sie das Buch von Frau Kuttner. So isses nämlich’.

Wie man sich doch täuschen kann.

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Sch… Tag

Der Montag beginnt für mich um 6 Uhr früh (knapp eine Stunde bevor mein Wecker überhaupt den Versuch starten sollte mich in die neue Woche zu schicken) damit, daß aus meinem Bad gurgelnde Geräusche kommen. Im Halbschlaf vermute ich noch den Blob aus dem All, wage mich aber dennoch schlaftrunken der Ursache auf den Grund zu gehen.

Es ist kein Blob aus dem All sondern lediglich das Abwasser meiner Nachbarn über mir, das gelassen meine Toilette und den Abfluss der Badewanne hochkommt. Ich bin zunächst etwas unschlüssig ob ich zu mir sagen soll ‘ Da haste aber nochmal Glück gehabt’ (weil es nicht der Blob aus dem All war der mich zu dieser frühen Stunde im Bad in die neue Woche begrüßt hat).

Rückblickend wäre es aber besser gewesen dies zu sagen, den das hochquellende Abwasser war, wo ich nun am Ende dieses Tages stehe, das positive Highlight desselbigen. Ich will gar nicht auf Details eingehen aber die Frustrationen dieses Montags drehten sich hauptsächlich um meine Unwilligkeit den Führunsstil und die Entscheidungen meines Chefs ohne Kompromisse grandios zu finden und meine Unwilligkeit (ist da ein Muster?) die Früchte meiner Arbeit nicht einem Kollegen zu überlassen, der es mit dem säen nicht so sehr hat.

Bei der Gelegenheit: Wenn Sie einen Job haben für jemanden, der zwar nicht viel Ahnung hat, dies aber auf übegreifenden Wissensfeldern kontinuierlich gleich und dies auch mit großem Engangement verfolgt, so wäre ich Ihnen dankbar wenn Sie mich kontaktieren würden. Vorugsweise in Köln.

Nun sitze ich hier und esse eine Schale Müsli zum Abendbrot obwohl man mir neulich sagte das soll man Abends nicht essen. Ich verbringe den Abend damit diie Abogebühr für die Zeit zu überweisen und lasse dabei bewusst das Feld Verwendngszweck frei, in dem eigentlich meine Kundennummer stehen sollte. Das führt nämlich dazu, daß meine Überweisung nicht automatisiert meinem Abo zugewiesen werden kann und vom Computer dann aussortiert wirde. Dann muss ein(e) Sachbearbeiter(in) meinen Namen suchen und dann sagen “Ah, das ist der Herr Mike, der wieder mal pünktlich sein Abo überwiesen hat. Schön daß wir den noch als Abonnenten haben”. Ich mag das Gefühl daß man sich noch persönlich um mich kümmert, deshalb lasse ich auch keinen Bankeinzug machen.

Ich hoffe ich kann morgen früh wieder duschen.

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Was nicht zu verstehen ist

Der Sonntag Nachmittag ist eine ziemliche Schlampe. Ich liege auf dem Sofa, starre die Wand an und werde von allen Seiten emotional attackiert.

16 Menschen sind tot und die Öffentlichkeit spekuliert über Ursachen und Konsequenzen. Johannes Rau wird zitiert, daß eine derartige Tat letztendlich unbegreiflich bleibt, aber wahrhaben will das keiner. es kann nicht sein, es darf nicht sein daß es dafür keine Erklärung gibt und die Stunde der Heuchler hat geschlagen die derzeit wieder unter jedem Stein hervor gekrochen kommen mit ihren Lösungen.

Ich selbst habe für die Lösungen als auch für die Ursachenforschung nicht viel übrig. Am Mittwochabend vor dem Fernseher, während ein ARD Brennpunkt läuft empfinde ich beinahe physisch die Trauer der Menschen vor Ort. Es ist das schlimmste was jemandem passieren kann: einen Menschen zu verlieren. Und ich fühle an diesem Abend den Verlust und bin bis zur Unerträglichkeit einsam. Ich überlege kurz das Mädchen in der großen Stadt anzurufen, verwerfe den Gedanken aber schnell. Kein Grund sie mit rein zu ziehen.

Ich denke auch an seine Eltern, seine Schwester. Vielen mag es unangemessen erscheinen aber ich fühle vor allem auch für sie. Daß der Vater zu Hause mehr Waffen gehortet hatte als manche Polzeidienststelle macht ihn für mich zwar zu einem ziemlichen Idioten, aber auch er hat einen Sohn verloren. In gewisser Weise ist diese Familie auch ein Opfer.

Was bleibt ist Trauer. Fassungslosigkeit. Der verzweifelte Versuch zu verstehen, was nicht zu verstehen ist. Ein Täter, den zu dämonisieren man nicht in der Lage ist, da er kein Monster wie Hitler oder Stalin war.

Es ist Sonntag und es regnet, was mir durchaus angemessen scheint. Der Mittwoch ist schon lange vorbei, ich fürchte es wird aber noch lange weiter regnen.

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