Mängelexemplar
Ausgerechnet die Kuttner hat ein Buch über Depressionen geschrieben und damit hatte ich dann grundsätzlich ein Problem. Es ist zum einen so, daß ich Frau Kuttner sehr mag. Ich hatte Spaß an ihrer Show, deren Absetzung das Ende der letzten unterhaltsamen Sendungen im deutschen (Musik)fernsehen markiert hat. Ich mag sie bei öffentlichen Auftritten weil sie oftmals etwas kluges zu sagen hat und ansonsten rundherum unterhaltsam ist.
Aber.
Eigentlich traue ich ihr nicht zu ein Buch über Depressionen zu schreiben zumal sie in Interviews darauf besteht selbst nie eine Depression gehabt zu haben. Depressionen sind für mich, der ich selbst seit Jahren davon geplagt bin, ja auch was persönliches und es fühlt sich einfach ungerechtfertigt und fast wie ein Eindringen in meine Privatssphäre durch Frau Kuttner an.
Also was tun. Erstellen wir eine Pro- und Contra-Liste. Pro: Ich mag Frau Kuttner wirklich gut leiden. Ehrlich jetzt. Weiteres Pro: Bücher die sich mit meinen Problemen beschäftigen haben eigentlich immer gewonnen bei mir. Contra: Eigentlich möchte ich nichts von Sarah Kuttner über Depressionen hören.
Das macht dann 2:1 für das Buch. Also wird es gekauft in der prophetischen Erwartung, daß die junge Frau Kuttner es voll versemmelt hat.
Was sollte ich mich doch getäuscht haben.
Im Grunde genommen ist das Buch wenig spekatakulär und wird vermutlich weniger Überraschungserfolg werden als daß von der Kollegin Frau Roche. Erzählt wird knapp ein Jahr im Leben der jungen Karo Herrmann, die schwuppdiwupp einfach mal so eine depressive Verstimmung (erste Diagnose) bekommt. Die Umstände sind nicht besonders gut, Freund weg, Job weg, da kann man schon mal Trübsal blasen.
Dann wird eigentlich lediglich erzählt was der jungen Frau so widerfährt als sie sich mit ihrer Depression auseinandersetzen muss. Und das ist dann auch schon mal alles.
Wodurch das Buch dann aber immens gewonnen hat war die unglaubliche Authentizität mit der all das beschrieben wurde. Der weg von Psychotherapeuthen zu Psychiatern. Der Umgang mit Medikamenten. Totale Zusammenbrüche und Angstzustände. Ein ums andere Mal habe ich innerlich ausgerufen: Ha! Das ist ja genau wie bei mir.
Wenn Karo also mal meint daß sie ihre Medikamente absetzen könnte, weil es geht ja jetzt schon wieder und dann doch plötzlich wieder Angstanfälle bekommt dann kann ich das gut nachvollziehen weil es bei mir genau so war. Angstanfälle sind ja sowas wie ein wildes Tier, das im Schatten außerhalb des eigenen Bewusstseins lauert. Man weiß daß es da ist und wenn man nicht ständig aufpasst, dann springt es einen an. Vorzugsweise um 3 Uhr in der früh.
Andere Sachen waren weniger realistisch. Wie schnell Karo eigentlich immer einen Termin beim Psychiater oder bei Ihrer Psychotherapeuthin bekommt erscheint mir aus eigener Erfahrung äußerst unrealistisch. Wenn man nicht akut suizidgefährdet ist erhält man frühestens nach einem Vierteljahr einen Termin. Psyhiater sind in Deutschland immer überbucht, Psychotherapeuthen sowieso.
Der Eröffnugssatz ‘Eine Depression ist ein fucking Event’ hat eigentlich fast dazu geführt daß ich das Buch wieder weg gelegt hätte. Psychiater sagen sowas nicht. So etwas will ich auch nicht hören von einem Psychiater. Andererseits muss ich gestehen daß bei allem Wiedererkennungswert jede Depression auch sehr persönlich verläuft und gute Psychiater natürlich auf ihre Kunden eingehen können. Vielleicht war es im Falle von Karo das Richtige zu sagen.
Einen ganz großen Bonus erhält Frau Kuttner für das komplette Auslassen jeglicher Suizidszenarien. Das ist ja so ein hässliches Klischee, daß Depressionen und Suizidgedanken immer Hand in Hand miteinander gehen müssen und von dem ich sehr froh bin daß es hier ausgelassen wurde. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen daß man jahrelang depressiv sein kann ohne über Suizid nachzudenken.
Überhaupt ist es der ganz große Verdienst des Buches sich mit Depressionen als Krankheit auseinanderzusetzen. Da wird logisch heran gegangen, als wenn eine Grippe behandelt wird. Etwas das im hier und jetzt statt findet und das behandelt werden muss.
‘Mängelexemplar’ ist kein spektakuläres Buch, keine das, wie man so schön sagt, aufrütteln wird. Eigentlich ist es noch nicht einmal eine Geschichte sondern lediglich eine Momentaufnahme aus dem Leben einer jungen Frau mit Depressionen.
Aber es ist eine genaue Aufnahme, eine feinkörnige mit vielen Details und einer teilweise fast schon nüchternen Betrachtungsweise. Ich hatte das Gefühl, daß Frau Kuttner verstanden hat was eine Depression ausmacht und wenn sie selbst noch keine hatte, dann macht sie das zu einer sehr guten Journalistin, die ihr Thema recherchiert hat.
Für mich bleibt eins: Wenn mir wieder einmal die Frage gestellt wird wie das denn so ist mit einer Depression und wenn mir dann die Worte fehlen und ich selbst nicht in der Lage bin die Worte zu finden, dann kann ich zukünftig sagen ‘Lesen sie das Buch von Frau Kuttner. So isses nämlich’.
Wie man sich doch täuschen kann.




