Wozu?
Es gibt eine Sache, die mir seit einigen Wochen nicht mehr aus dem Kopf geht. Dabei habe ich nicht einmal einen direkten Bezug dazu, ich kenne niemanden der dirket betroffen ist.
Meine Kollegin, die im Büro direkt neben mir sitzt erzählte mir vor einigen Wochen von ihrer Freundin, die schwanger war. Die Freundin hatte sich sehr auf das Kind gefreut und alles schien gut zu gehen. Bis dann bei irgend einer Untersuchung der Arzt eine schreckliche Feststellung machte. Das ungeborene Kind hatte einen Herzfehler und der Arzt gab ihm nur wenige Tage nach der Geburt.
Wie man mit so etwas fertig wird weiß ich nicht. Die junge Frau entschied sich dafür daß Kind auszutragen, für eine Abtreibung war es wohl auch schon zu spät.
Als meine Kollegin mir das erzählte war ich natürlich schockiert. Schlimm, habe ich mir gedacht, was für schreckliche Dinge es auf der Welt doch gibt. Dann habe ich es wieder vergessen oder verdrängt. Übertönt von den täglichen Meldungen und Nachrichten, ersäuft und ertränkt im Selbstmitleid und den eigenen Depressionen.
Dann vor ein paar Wochen erzählte mir meine Kollegin, daß das Kind nun da wäre. Es hat dann noch beinahe 10 Tage gelebt, ständig unter Beobachtung, mit Schläuchen im kleinen Leib bevor es dann gestorben ist. Ich kannte seinen Namen nicht, ich weiß nicht einmal ob es ein Mädchen oder ein Junge war. Und dennoch geht es mir seither nicht mehr aus dem Kopf.
Ich frage mich wie die Eltern, vor allem die Mutter damit zurecht kommen. Was muß das für ein Gefühl sein, ein Kind in seinem Bauch zu haben, das neue Leben in sich zu spüren und zu wissen, daß es zu Ende sein wird sobald es auf der Welt sein wird? Wie kann man so jemanden trösten, wie kann man sagen, daß alles wieder gut sein wird?
Nichts, so scheint mir, kann so etwas beschreiben. Irgendwo habe ich mal jemanden gehört wie die folgenden Frage gestellt wurde: Wenn man einen Partner verliert, dann wird man zur Witwe oder zum Witwer. Kinder die ihre Eltern verlieren sind Waisen. Aber wie bezeichnet man Eltern, die ihr Kind verlieren? Gibt es dafür auch ein Wort?
Ich frage mich wie manche Menschen bei solchen Ereignissen Zuflucht in der Religion finden können. Ich selbst bin nicht besonders religiös, ich versuche an einen Gott zu glauben oder irgendeine höhere Macht die alles steuert. Ich will wissen, daß das alles einen Sinn hat. Aber wenn es einen Gott gibt, wie konnte der Bastard dann so etwas zulassen? Wozu war das gut, was hat es für einen Sinn?
Meine Schwester hat mir einige neue Bilder von meiner Nichte geschickt. Die Kleine ist inzwischen ziemlich groß geworden und es wird mir erst bewusst was für ein Glück sie ist. Und ich bin wütend auf mich selbst geworden. darüber, daß es mir eigentlich ganz gut geht und ich an manchen Tagen dennoch kaum aus dem Bett komme vor Traurigkeit. Ich sollte dankbar sein daß es mir so gut geht, eigentlich überdurchschnittlich gut und dennoch scheint an manchen Tagen meine größte Leistung darin zu bestehen eine Tasse Tee zu kochen.
Das Baby hatte nie eine Chance. Es wird nie andere Länder sehen, ja es hatte nicht einmal die Gelegenheit eine andere Stadt zu sehen. Es hat nie mit einem Hund gespielt, einen Apfel gegessen oder frischen Schnee auf der Haut gespürt. Wenn ich an all das denke, dann nehme ich mir vor dankbar zu sein für alles was ich erlebt habe und ich nehme mir vor die Chancen zu nutzen, die ich habe. Die Reise zu machen, die ich schon immer machen wollte. Dem dunkelhaarigen Mädchen zu sagen was sie mir wirklich bedeutet. All die Dinge die ich machen könnte weil ich das Glück habe, daß es mir gut genug geht und die ich aus Furcht und Lethargie nie getan habe.
Und dann mache ich es denoch wieder nicht, weil ich doch zu sehr Angst habe. Und ich denke, daß das Baby, das nie eine Chance hatte, eigentlich viel eher dieses Leben verdient hätte als ich.




