Narben

Es gibt sicherlich ein gutes Dutzend Gründe warum ich den Herbst mehr mag als die “schöne” Jahreszeit. Einer der Gründe, der mir jetzt da es wieder wärmer wird, schmerzlich ins Bewusstsein rückt ist daß man im Herbst und im Winter nicht zwangsläufig im T-Shirt auf die Straße geht.

Ich habe nämlich ein wenig Probleme damit meine nackten Arme zu zeigen, genauer gesagt meinen linken Arm. Der ist nämlich voller Narben, 37 Stück an der Zahl. Feine, gerade Striche. Und die werden von Leuten gerne angestarrt und wenn jemand besonders neugierig oder besonders plump ist, dann fragt er oder sie wo diese Narben den herkommen und daß obwohl es schon schreiend offensichtlich ist wo sie herkommen.

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Die habe ich gemacht sage ich dann. Manche mit einem Messer, viele mit einer Rasierklinge. Autoaggressives Verhalten nennt man so etwas in der Psychologie. Die meisten Menschen verstehen das nicht. Sowas tut man doch nicht, sagen sie. Was ich denn damit bezwecken wolle. Manche halten mich dann auch gleich für komplett unzurechnungsfähig.

Die älteste Narbe, die direkt unter der Armbeuge, da war ich 17 oder 18 Jahre alt. Ich weiß noch was damals der Grund war. Bei denen, die später dazu kamen verwischt es dann langsam. An einige kann ich mich noch erinnern, andere sind einfach da ohne daß ich weiß wie sie auf den Arm gekommen sind.

Die jüngste ist knappe zwei Monate alt. Ich würde den Leuten gerne erklären wie es kommt, daß man sich selbst schneidet. Aber dazu müsste ich den Leuten begreiflich machen wie ich dabei fühle und wie kann ich etwas beschreiben was ich selbst nicht begreifen kann.

All die Theorien, die in den Köpfen der Betrachter umher schwirren treffen nicht zu. Es ist keine Bestrafung von mir oder anderen. Es ist kein versuchter Suizid. Es ist kein Hilfeschrei, kein Trend oder ein Kick den ich suche. Ich mache es nicht aus falscher Coolness oder um etwas zu beweisen.

Es gibt diese Augenblicke da gehe ich dann einfach an den Wandschrank im Badezimmer, nehme eine Klinge aus der Packung, setze sie an, ziehe sie langsam durch und betrachte das Blut wie es langsam aus der Wunde quillt. Und nach einer Weile fällt dann die ganze Anspannung ab. Ich fühle mich nicht wirklich gut aber doch bedeutend entspannter. Als ob es nur einer Öffnung in der Haut gebraucht hätte um all dem was in meinem Innern tobt einen Ausgang zu verschaffen.

Mit Mitte 30 sollte man genügend Verstand besitzen so etwas nicht mehr zu tun hat man mir mal gesagt. Es ist meine eigene Schuld und ich habe es selbst unter Kontrolle will man mir damit sagen. Vielleicht ist es ja das, vielleicht besitze ich einfach nicht genügend Verstand. Oder er geht mir Stück für Stück immer ein wenig mehr verloren.

Wenn ich jetzt im Sommer all die Menschen mit ihren sonnengebräunten glatten Armen sehe, dann wünsche ich mir manchmal ich hätte auch solche Arme. In ein paar Wochen beginnt für mich eine neue Therapie. Gegenwärtig fällt es mir schwer einfach nur abzuwarten bis sie beginnt, gleichzeitig habe ich auch wahnsinnige Angst davor. Was dabei herauskommen wird, welche Erwartungen ich habe ist für mich derzeit nur schwer zu fassen.

Ich hoffe auf ein wenig Normalität, was immer das auch bedeuten mag. Etwas mehr Ruhe und Frieden mit mir selbst. Was immer aber auch werden wird, die Narben werden immer bleiben.

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